Recovery Update – Mein erstes Jahr ohne Waage

Anfang Dezember gab es für mich einen großen Anlass zum Feiern: Ich habe meine Waage vor genau einem Jahr verbannt und mich seitdem nie wieder auf eine gestellt. Und das war für mich wirklich ein Grund zum Jubeln, denn die Waage war seit meiner Jugend meine beste Freundin und Feindin gleichzeitig. Diese intensive Beziehung zu ihr zu beenden, war ein riesiger Schritt, der sich tatsächlich ein wenig anfühlte, wie das Verlassen einer toxischen Beziehung.

Doch genau dieser Schritt war so wichtig, um WIRKLICH gesund werden zu können. Solange ich an der Waage festhielt, solange konnte ich auch das finale Band zu meiner Essstörung nicht durchtrennen. Es war, als hielte sie mich an einem dünnen Faden über die Waage an sich gebunden.
Am ersten Dezember 2019 beschloss ich, dieses letzte Band endgültig durchzutrennen.

Wer jetzt allerdings glaubt, dass mich die Waage einfach hätte gehen lassen, dem muss ich leider sagen, dass ein längerer Weg war, mich von diesem suchthaften Verhaltensmuster zu befreien. Doch wie in allem, was ich bisher in meinem Leben erreichen wollte, hat mir mein starkes Ziel, endlich wirklich gesund zu werden und mir nicht mehr von irgendeiner Zahl sagen zu lassen wie ich mich fühle, dabei geholfen diese letzte Angewohnheit der Essstörung hinter mir zu lassen.

Die Macht der Zahl auf der Waage

Warum hat die Waage überhaupt so eine Macht über uns?
Es gibt einige Menschen-Menschen ohne Essstörung oder Diätmentalität – die alle Jubeljahre auf das kleine flache Gerät steigen, eine Zahl sehen, feststellen, dass ihr Gewicht mehr, weniger oder gleich geblieben ist und dann ihren Tag ganz normal weiterleben oder sogar vergessen, dass sie überhaupt eine Waage besitzen.

Kämpft man jedoch mit der Recovery von einer Essstörung, befindet sich noch darin oder hat die gesellschaftlich vorgelebte Diätmentalität in sich verankert, sorgt die Waage dafür, dass etwas mit unserem Selbstwertgefühl passiert:

Zeigt sie weniger Gewicht als zuvor, sind wir stolz, freuen uns und haben das Gefühl erfolgreich zu sein, denn eine Gewichtsabnahme ist gesellschaftlich anerkannt und wird fast überall gelobt. Sie gilt als ein Zeichen von Disziplin und Stärke.

Eine Gewichtszunahme hingegen wird von der Gesellschaft verurteilt und mit Schwäche, Disziplinlosigkeit, Faulheit und weiteren negativen Eigenschaften verknüpft. Wann sagt schon mal jemand: „Hey cool!! Hast du zugenommen? Das ist ja stark! Wie hast du das geschafft?“ Wiegen wir also mehr als am Vortag, kommen sofort Versagensängste auf und wir fühlen uns schlecht.

Doch selbst eine gleichbleibende Zahl kann beeinflussen, wie wir uns fühlen.
Für mich bedeutete ein unverändertes Gewicht einerseits, dass ich es nicht geschafft hatte, abzunehmen → Also hatte ich versagt! Und andererseits, dass ich auf jeden Fall dafür sorgen musste, keinesfalls zuzunehmen, denn das wäre eine Katastrophe gewesen, die es unter allen Umständen zu vermeiden galt.

Mehr, weniger oder gleich – alles war schlecht!

Zu erkennen, dass die Waage mir in keiner Zahlenkonstellation auch nur irgendetwas Gutes tun konnte, geschweige denn mich in meiner Recovery zu unterstützen war der Aha-Moment, den ich brauchte, um endgültig loszulassen. Ich beschloss, den letzten entscheidenden Schritt zu gehen: Die Waage musste endgültig aus meinem Leben verschwinden!

Ich wollte meinen Heilungserfolg nicht aufs Spiel setzen, denn ich wusste, ich konnte, wenn ich wirklich gesund werden wollte nichts anderes tun, als weiterzuessen und allmählich zu lernen meinen Körper zu hören. Ich wollte ihm vertrauen. Warum es mir also schwer machen, indem ich mir täglich – manchmal mehrmals – die Frustration mit der Waage gab?

Waagefrei in sieben Schritten

Wie aber habe ich es geschafft, diese Trennung auch wirklich durchzuziehen?

  1. Ich habe mich täglich morgens daran erinnert, WARUM es mir nicht guttut mich zu wiegen und was mein wirkliches Ziel ist.
  2. Ich legte mir ein Mantra zurecht, welches ich mir täglich und besonders in Situationen, in denen die Versuchung groß war, vorsagte: „Egal was auf der Waage steht, es wird dir nicht helfen!“
  3. Ich entfernte die Waage aus meinem Sichtfeld, um nicht ständig zusätzlich daran erinnert zu werden. An sie gedacht habe ich anfangs natürlich trotzdem.
  4. Ich legte mir eine gesündere Morgenroutine zu, die mich besser mit meinem Körper und mir in Kontakt brachte: Trockenbürsten, Yoga und mein ätherisches Öl „Balance“ haben mir sehr dabei geholfen
  5. Ich praktizierte Körperneutralität, lernte die Veränderungen meines Körpers anzunehmen und freundlich mit mir zu sprechen, anstatt mich zu verurteilen.
  6. Ich vermied alle weiteren Aktivitäten von Body-Checking wie ständiges in den Spiegel schauen, den Körper vermessen oder mir in den Bauch und die Oberschenkel zu kneifen, um meinen „Speck“ zu fühlen.
  7. Durchhalten! Die ersten zwei Monate waren die schwersten. Wie bei jeder neuen Gewohnheit braucht es mindestens 60 Tage, bis sich neue Verknüpfungen im Gehirn bilden und alte Muster durchbrochen werden. Das Entwickeln neuer, gesünderer Muster dauert ebenso lange. Doch durch tägliches Üben und dranbleiben, wird aus einem kleinen Trampelpfad im Gehirn irgendwann ein fester, bequemer Weg.

Fazit nach einem Jahr

Auch wenn der Beginn sehr schwer war, ist die Trennung von der Waage eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen. Dieser Schritt hat mir geholfen auch die letzte Verbindung zu meiner Essstörung zu lösen. Heute sagt mir keine Zahl mehr wie ich mich fühle. Die Gedanken um Kalorien, Mengen, mein Gewicht, meinen Körper, sein Aussehen … All das ist nicht mehr so wichtig. Heute bin ich glücklich, in einem gesunden Körper zu leben, der mir so viel ermöglicht.
Das Bedürfnis mich zu wiegen ist komplett verschwunden und ich muss nicht einmal mehr darüber nachdenken.
Mein Körper ist einfach nur noch mein Körper.
Der Ort, in dem ich mich endlich zu Hause fühle und in dem es ruhig und friedlich geworden ist

Romy Hörbe

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