Wellen

Langsam steigt sie in mir auf, baut sich auf in kleinen Wellen, erst ganz sanft, kaum spürbar und doch mit immer schneller werdender Kraft.
Wo kommt sie her? Ich bin doch ein Teich der Ruhe.
Doch von ganz tief unten öffnet sich ein Schlund, reißt einen Strudel in meinen Teich. Ich verliere meinen Halt. Mein sicheres Boot beginnt zu schwanken, mit den ersten Wellen, die seinen Bug treffen.
Und während mein Boot ins Schaukeln gerät, schnürt sich mein Hals zu mit unbändiger Kraft.
„Halt dich fest! Bleib oben! Das geht gleich vorbei.“ ruft der Steuermann in meinem Kopf.
Und ich möchte ihm glauben, hat er mich doch bis zu diesem sicheren Teich gebracht.
Doch mein Teich ist weg. Ich schaue über die Reling und sehe nur noch das tosende Meer.
Die nächste Welle trifft mich wie ein Schlag. Schmerz. Alles ist Schmerz.
Ich verliere den Kontakt zu meinem Körper. Bin nur noch Wasser.
In mir und außerhalb drohe ich zu ertrinken. Mein Körper hört nicht mehr auf mich.
„Öffne ein Ventil!“, ruft mein Steuermann.
Aber welches?
Es sticht, ich greife nach der Sauerstoffflasche, die mir gegen die Füße rollt. Doch atmen kann ich nicht. Meine Lunge ist randvoll mit Wasser. Kein Platz mehr für die rettende Luft.
Und plötzlich öffnet sich eine Schleuse. Ganz klein nur tropft es aus meinem Kopf, als hätte man einen Korken in einer riesigen Badewanne entfernt. Der Druck sinkt allmählich. Ich erhasche einen winzigen Atemzug Luft und der unbändige Druck und Schmerz in meinem Kopf lässt ein wenig nach.
Ich muss loslassen. Muss mich den Wellen hingeben, mit ihnen schwimmen, denn gegen sie kann ich nicht ankommen.
Kämpfe ich gegen sie, ertrinke ich. Also gebe ich nach und mit jeder geschwommenen Welle, werden Druck und Schmerz geringer.
Eine Stimme ruft. „Gib auf! Verschwinde, Hör auf zu kämpfen. Dort unten auf dem Grund ist es ruhig.“
Wer ist das?
Wo ist mein Steuermann?
Ich sehe das Grinsen aus den Wellen, welches mir so bekannt vorkommt. Dieses Grinsen, aus meiner Vergangenheit, das schon so oft versucht hat mich zum Aufgeben zu überreden. Und für einen Moment scheint es verlockend.
Doch plötzlich sehe ich die Mütze meines Steuermanns.
Er ist noch immer bei mir. Ich muss nur zu ihm schwimmen. Welle für Welle.
Die Wellen sind nicht mein Feind.
Ich gebe mich ihnen hin und treibe, bis ich plötzlich warmen Sand unter meinen Füßen spüre.
Ich schaue auf.
Es ist vorbei.
Ich sitze an einem warmen Strand, vor mir liegt das ruhige Meer.
Ich atme die frische Seeluft und schließe die Augen.
„Du hast es geschafft. Wieder einmal.“ Sagt mein Steuermann.
Ich blicke auf. Wo eben noch das Meer war, ist jetzt wieder mein kleiner Teich und darauf mein treues Boot.
Ich bin zu Hause. Zurück bei mir.
Mit dem Geschmack des Salzes auf meinen Lippen.

 

Romy Hörbe

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