Quasi-Recovery

„Mein Gewicht ist wieder im „normalen“ Bereich, das heißt, ich muss gesund sein. Aber warum fühle ich mich dann noch immer nicht frei?“

Möglicherweise steckst du im Schwebezustand der „Quasi-Recovery“ fest.

Was ist Quasi-Recovery?

Quasi-Recovery ist ein Zustand, der beschreibt, dass man zwar nicht mehr so sehr in der Essstörung steckt wie früher, aber auch noch nicht frei ist, sein Leben so zu leben, wie man es selbst gern möchte.

In der Quasi Recovery steckt man buchstäblich zwischen zwei Welten fest. Du hast die Essstörung noch nicht komplett losgelassen, obwohl du es bereits geschafft hast einige Verhaltensweisen abzulegen, aber von einer vollständigen Recovery  und der Freiheit, die damit einhergeht, bist du noch einige Schritte entfernt.

Viele Betroffene verwechseln Quasi-Recovery mit der vollständigen Heilung. Auch mir ist es viele Jahre so gegangen. Ich dachte, ich sei bereits gesund, denn ich habe ja gegessen und auch meine Essanfälle hatte ich im Griff.
Mein Gewicht war im „normalen“ Bereich und für meine bewusste Ernährung und gesunden Alternativen, gab es oft sogar Lob aus meinem Umfeld.
Doch innerlich war ich noch immer stark in der Selbstkontrolle gefangen, übte Disziplin bis zur Perfektion aus und bekam Panik, sobald sich mein Gewicht einer bestimmten Zahl auf der Waage näherte. Ich hatte mir selbst einen Gewichtsbereich von 3 kg Schwankung erlaubt, doch um diesen zu halten, natürlich nur mit der Begrenzung nach oben, musste ich gegensteuern und lebte in der ständigen Angst, dass ich diese Zahl überschreiten könnte.
Ich erlaubte mir bestimmte Lebensmittel zu festgelegten Zeiten (Freitag war „Cheat Day“) und folgte meinen Regeln und sportlichen Zwängen.
All das hielt ich für normal, denn es ging mir ja einigermaßen gut und gab mir Sicherheit. Doch innerlich zermürbte mich die ständige Angst. Von der Freiheit, mit dem Essen zu tun und zu lassen, was ich will und es einfach zu genießen, war ich weit entfernt. Meine erlaubten Lebensmittel wurden immer gesünder und ich entwickelte kreative Alternativen, damit ich nicht mehr so viel Angst vor den verbotenen Lebensmitteln haben musste. Umso „cleaner“ mein Essen war, desto mehr konnte ich reuelos davon essen. Diesen Zustand verwechselte ich mit der Freiheit, die die echte, vollständige, Recovery mit sich bringt. Ich aß zwar ansatzweise genug, um nicht mehr in die Essanfälle zu rutschen, aber nicht genug für den Bedarf meines Körpers. Letztendlich führte mich meine Quasi-Recovery in die Orthorexie.

Bemerkt habe ich dies erst in meiner Reha, anhand meiner übermäßig wütenden und trotzigen Reaktion auf das dort erteilte Sportverbot. Ich musste mir eingestehen, dass ich noch immer in der Essstörung steckte und die Spirale mich langsam wieder so richtig tief hineinzog.

Die Gefahr der Quasi-Recovery

Neben der Tatsache, dass es verdammt traurig ist, noch immer nicht frei von der Essstörung zu sein, obwohl man bereits ein ganzes Stück auf dem Weg der Heilung geschafft hat, ist der Zustand der „teilweisen“ Recovery, wie ich es auch gern nenne, gefährlich.
Solange wir an bestimmten Verhaltensweisen der Essstörung festhalten, besteht das Risiko, in schwierigen Situationen wieder einen Rückfall zu bekommen. Unser gesundes Selbst, welches bereits so viele Schritte in Richtung Heilung gegangen und viele Erfolge erzielt hat, ist in diesem Zustand noch nicht stabil genug, um uns in Krisensituationen zu zeigen, dass es gesündere und bessere Wege gibt, auf Stress, Ängste, Einsamkeit oder Hilflosigkeit zu reagieren. Die Versuchung wieder komplett in die Essstörung abzurutschen, ist sehr groß und passiert oftmals schleichend.

Vollständige Recovery ist möglich und ich wünsche mir so sehr für dich, dass auch du es schaffst so lange weiterzugehen, bis du das Gefühl der Freiheit erlebst. Du verdienst es gesund zu sein!

Wie kannst du erkennen, ob du in der Quasi-Recovery feststeckst?

Vielleicht hast du es bereits geschafft bestimmte Verhaltensweisen loszulassen, aber andere sind noch aktiv.
Viele unserer eigenen Verhaltensweisen sind uns gar nicht bewusst. Daher möchte ich dir anhand dieser Liste einige Beispiele mitgeben, die als Anzeichen dafür dienen, dass du noch in der Quasi-Recovery feststeckst:

  • Du hast es geschafft zuzunehmen, kontrollierst aber noch immer dein Gewicht und hast Angst über eine gewisse erlaubte Grenze zu kommen.
  • Du machst weniger Sport, aber zwingst dich noch immer mindestens 1x/Woche laufen oder ins Fitnessstudio zu gehen, obwohl du dich schlapp oder müde fühlst und sogar Schmerzen hast.
  • Du bist freier in deiner Essensauswahl geworden, aber es gibt noch immer Lebensmittel, die dir Angst machen, Schuldgefühle beim Essen erzeugen oder den Stempel von „böse“ und „ungesund“ von dir bekommen.
  • Du erlaubst dir alles zu essen, aber nur in kleinen Mengen, wenn du es dir „verdient“ hast, oder wenn du im Nachhinein dafür kompensieren kannst (z.B. mit Sport).
  • Du erlaubst dir alles zu essen, aber nur in einem bestimmten Zeitrahmen, zu festgesetzten Zeiten oder an bestimmten Tagen (Intervallfasten, „Cheat Days“).
  • Du isst deine „sicheren“ Lebensmittel und hast Schwierigkeiten Neues auszuprobieren, was dazu führt, dass deine Mahlzeiten sehr ähnlich aussehen.
  • Du liest vor einem Restaurantbesuch die Karte und wählst das „sicherste“ Essen aus, anstatt spontan zu entscheiden, worauf du Lust hast.
  • Du isst Lightprodukte, um Kalorien einzusparen.
  • Du verbietest dir bestimmte Nährstoffe und isst z.B. „Low Carb“.
  • Du hast noch immer Regeln rund ums Essen oder bestimmte zwanghafte Verhaltensweisen und Rituale (Essen nur von einem bestimmten Teller, mit einem bestimmten Löffel…)
  • Der Gedanke spontan bei Freunden zu essen und nicht zu wissen, was es gibt, macht dir Angst.
  • Du wiegst dein Essen und zählst Kalorien. Oftmals geschieht dies unter dem Deckmantel sicherzugehen, dass du genug isst.
  • Deine Gedanken drehen sich noch immer viel ums Essen. (Mentaler Hunger)
  • Dein Aussehen ist dir wichtiger als deine Gesundheit und um einem bestimmten Bild zu entsprechen, setzt du deine Gesundheit aufs Spiel (z. B. mit Sport oder zu wenig Essen)

Du hast dich in einigen dieser Verhaltensweisen wiedererkannt?

Okay, und was nun?

Zunächst einmal möchte ich dir sagen, dass das nicht bedeutet, dass du etwas falsch machst oder gemacht hast. Du hast bereits sehr viel erreicht, worauf du stolz sein darfst. Jeder kleine Schritt in Richtung Heilung ist unglaublich wertvoll. ❤️
Ich möchte dich hiermit ermutigen weiterzugehen und die noch übrig gebliebenen Verhaltensweisen und Gedanken anzuschauen.

Diese Schritte können dir helfen, vollständig gesund zu werden:

  1. Schreibe auf, welche Verhaltensweisen, Gedanken, Einschränkungen und Glaubenssätze der Essstörung noch aktiv sind. Die Anzeichen oben können dir beim Aufspüren helfen.
  2. Erinnere dich daran, was dir bisher geholfen, in deiner Recovery voranzukommen:
    a) Wende dich an eine vertraute Person (Familie, Freunde, deinen Therapeuten, einen Recovery Coach…) und rede mit ihr darüber, wo du gerade stehst. Versuche nicht, es allein mit dir auszumachen. Am schnellsten geht es, wenn du dir Unterstützung von Außen holst und über deine Gedanken und Ängste sprichst. Es geht vor allem darum, für dich selbst einzustehe
    b) Gib dir wieder mehr Struktur, wie du sie vlt. zu Beginn deiner Recovery Reise hattest, zum Beispiel: 3 Hauptmahlzeiten, 3 Snacks oder alle 2-3 Stunden etwas essen.
    c) Verbinde dich mit Recovery Ressourcen, zum Beispiel: einem positiven Recovery Umfeld, zum Beispiel anderen recoverten Personen auf Social Media, höre hilfreiche Podcasts, lies Recovery Bücher, …
  3. Vergib dir selbst, dass du noch nicht komplett gesund bist, auch wenn du das vielleicht geglaubt hast. Sieh die Quasi-Recovery als einen Hinweis an, wo du noch etwas lernen darfst. Es wird dir auf jeden Fall in der Zukunft helfen.
  4. Erinnere dich an dein Ziel, warum du die Essstörung überwinden und gesund werden wolltest und gib dich nicht mit weniger zufrieden.

Um vollständig zu heilen, musst du lernen loszulassen.
Jede einzelne dieser Verhaltensweisen sorgt dafür, dass du den Zustand kompletter Freiheit nicht erreichst und das Risiko eines Rückfalls besteht.
Zu lernen, die Kontrolle loszulassen und dich dem Prozess hinzugeben erfordert viel Mut. Doch du hast die Entscheidung gesund werden zu wollen bereits getroffen, als du dich entschieden hast deine Recovery Reise zu beginnen.

Vielleicht brauchst du noch etwas, was dir Sicherheit gibt, anstelle dieser Verhaltensweisen. Ich unterstütze dich gern dabei herauszufinden, was du brauchst, um vollständig gesund zu werden.

Romy Hörbe

Bist auch du lebenshungrig und
bereit für dein Leben in Freiheit?

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