Hilfe, ich habe meine Recovery nicht richtig gemacht.

Perfektionismus in der Recovery

Kennst du den Gedanken, dass du deine Recovery nicht „richtig“ machst oder hättest besser machen müssen?
Vielleicht hattest du einen „Rückfall“ (wobei ich das Wort nicht mag, denn du fällst nicht wirklich zurück, sondern sammelst eine Erfahrung, die dir auf deinem weiteren Weg helfen wird) und verurteilst dich dafür.

Vielleicht denkst du, du hättest, als du noch einen laut BMI untergewichtigen Körper hattest, bereits alle Fear Foods probiert haben müssen und der Wunsch, noch einmal abzunehmen und es „richtig“ zu machen taucht auf.

Doch es gibt keinen perfekten Weg, gesund zu werden. Der Wunsch, die Recovery so gut und richtig wie möglich zu machen, ist tatsächlich Teil des Problems, welches dich in erster Linie in die Essstörung gebracht hat.

Perfektionismus ist eine sehr typische Charaktereigenschaft von Menschen, die anfällig für eine Essstörung (insbesondere Magersucht und Orthorexie) sind. Der Wunsch deine Recovery so zu machen, wie du deine Essstörung gelebt hast, ist verständlich. Dieses Muster kennt dein Gehirn bereits, aber es ist leider nicht besonders hilfreich.

Perfektionismus als Hindernis oder Chance

Zunächst einmal möchte ich, dass du weißt, dass Perfektionismus nichts Schlechtes ist. Richtig eingesetzt und in guter Balance, kann es sogar deine Superpower sein. Perfektionismus in der Schule oder im Beruf kann dir dabei helfen, deinen Traumjob zu bekommen, deine Aufgaben gut zu erfüllen und an dir zu arbeiten, um das Leben zu erschaffen, welches du dir für dich wünschst.

Mein Wunsch als Recovery Coach so gut wie möglich zu sein, hat mich beispielsweise dazu gebracht mich für die Ausbildung als CCI Coach am Carolyn Costin Insitute zu bewerben und diese in der dafür vorgesehenen Zeit zu absolvieren. Ebenfalls hilfreich dafür war mein Streben aus der Schulzeit, im Englischunterricht die Beste zu sein. Das hat es mir ermöglicht, die Ausbildung überhaupt antreten zu können, denn sie findet komplett auf Englisch statt.
Nicht hilfreich ist dieser Perfektionismus, wenn ich ihn übertreibe und meine 120 % geben zu müssen. Das führt zu Stress, Überforderung und Unzufriedenheit. In meiner Recovery durfte ich lernen, dass 80 % immer noch verdammt gut sind und völlig ausreichend, um meine Ziele zu erreichen. Du siehst, es geht um die Balance.

Dein Perfektionismus kann dir dabei helfen, dein Ziel, vollständig gesund und frei von der Essstörung zu werden, zu erreichen. Doch das bedeutet nicht, dass du nie wieder in alte Verhaltensweisen zurückfallen darfst, jeden Tag 100 % deinen Essensplan einhalten musst oder nur bei einem bestimmten Gewicht die Erlaubnis hast zu essen, was DU wirklich möchtest. Deine Recovery ist nicht plötzlich fertig, nur weil du laut BMI wieder im „Normalgewicht“ bist. Die eigentliche Arbeit, nämlich das Neuprogrammieren der alten Pfade in deinem Gehirn, ist oft erst ab diesem Stadium wirklich möglich, da dein Körper allmählich aus dem Notfallprogramm herauskommt und dein Gehirn überhaupt die Kapazität hat, sich mit der mentalen Arbeit zu beschäftigen.

Du brauchst nicht die Erlaubnis deines untergewichtigen Körpers, um weiter essen zu dürfen. Du hast auch nicht versagt, wenn du noch immer Fear Foods, Extremhunger und Ängste hast. Das ist ganz normal und diese Dinge zu überwinden dauert in der Regel deutlich länger, als dein Körpergewicht zu „normalisieren“!
Erlaube dir, dass dein Heilungsweg chaotisch sein darf. Recovery findet nicht in einer vorgefertigten Schablone statt, sondern ist so individuell, wie du es bist. Es gibt nicht den „perfekten“ Weg zu heilen.

Raus aus der Perfektionismusfalle

Wie aber kannst du aus diesem Perfektionismuskarussel aussteigen? Hier habe ich ein paar Punkte für dich, die dir dabei helfen können:

Bewusstwerdung
Der erste Schritt, um der Perfektionismusfalle zu entkommen ist der, dir deiner perfektionistischen Tendenzen bewusst zu werden. Mir hat es sehr geholfen, zu wissen, dass ich zu Perfektionismus neige. Sobald ich wusste, dass dies eine Charaktereigenschaft von mir ist, konnte ich sie viel schneller entdecken und mich in verschiedenen Situationen auf meinem Heilungsweg hinterfragen. Typische perfektionistische Gedanken können sein:

  • Ich mache es entweder richtig oder falsch
  • Ich bin entweder gut oder schlecht
  • Ich möchte in allem die Beste sein
  • Wenn ich nicht die Beste in etwas sein kann, versuche ich es gar nicht erst
  • Nur eine 1 ist eine gute Note

Selbstmitgefühl und Akzeptanz

  • Vielleicht hast du dich beim Lesen bereits dabei ertappt, dass du dich dafür verurteilst, diese Eigenschaft zu besitzen, oder du denkst, du solltest nicht so perfektionistisch sein. Ich habe manchmal sogar gedacht, dass ich gar nicht gut genug bin, um perfektionistisch zu sein. Du siehst, Gedanken sind oftmals nicht rational.
  • Meist steckt hinter dem Drang alles perfekt zu machen, der tiefe Wunsch nach Liebe, Anerkennung oder auch Schutz vor Strafe oder Scham. Warum auch immer du Perfektionismus als Überlebensstrategie entwickelt hast, es hatte einen guten Grund. Das zu wissen, hat mir geholfen, nachsichtiger mit mir selbst zu sein und mich nicht mehr dafür zu verurteilen.
  • Vergib dir selbst und sprich zu dir, wie zu einer lieben Freundin. Würdest du sie so pushen, wie dich selbst? Wärst du zu ihr so streng, wenn sie einen weniger erfolgreichen Tag in ihrer Recovery hätte? Nein? Genau! Du hast dasselbe Mitgefühl verdient!

Erkenne die Chance

  • Wie ich bereits gesagt habe, liegt im Perfektionismus auch eine große Chance. Jetzt geht es darum zu schauen, wie du ihn als hilfreiche Eigenschaft nutzen und zerstörerische Muster (wie die Essstörung) loslassen kannst. Schau gern mal, wann dir dein Perfektionismus bereits geholfen hat (z.B. in der Schule). Wie kannst du diese Eigenschaft nutzen, um mehr Licht in dein Leben zu bringen und dich nicht dafür zu verurteilen, wenn du etwas „nicht perfekt“ gemacht hast? Ich kann dir aus Erfahrung sagen, dass du deine Recovery gar nicht perfekt machen kannst. Wenn das also eh nicht geht, was wäre dann ein Weg sie ausreichend gut (und mit weniger Druck) zu machen?
  • Ich habe meinen Perfektionismus dafür genutzt, mir auszumalen, was ich für ein Leben haben möchte. Ich wusste damals zwar nicht genau, wo ich eigentlich hin will. Was ich aber wusste war, dass es mehr dort draußen gibt, als ein Leben in Mangel und Restriktion.
  • Kleine Schritte
    Frage dich, wo du beginnen kannst, etwas weniger als 100 % zu geben. Vielleicht kannst du deinen Tag mit ein oder zwei unerfüllten Punkt auf deiner To-do-Liste beenden, anstatt über deine Grenze hinaus zu arbeiten. Vielleicht kannst du den Haushalt nur zu 80 % ordentlich machen, das Essen für deine Familie mit einer Komponente weniger kochen oder dir eine kurze Atempause von 5 Minuten am Tag einräumen.
    Erlaube dir irgendwo anzufangen. Du wirst sehen, dass nichts Schlimmes passiert und du dadurch nicht weniger liebenswert bist.

Ätherische Öle zur Unterstützung

  • Auch ätherische Öle können eine wirkungsvolle Unterstützung sein. Du kannst sie in Kombination mit Atemübungen, zur Meditation, beim Yoga oder in Kombination mit Affirmationen nutzen, da sie binnen weniger Sekunden direkt ins limbische System gehen und deine Emotionen positiv beeinflussen. Ich nutze die Öle von dōTERRA und kann dir besonders die Folgenden empfehlen:
    • Zypresse (Cypress): unterstützt dich, perfektionistische Tendenzen und Kontrolle loszulassen und ins Vertrauen zu kommen
    • Serenity (erholsame Mischung): beruhigt und ermöglicht Gefühle von Angst, Stress und Überwältigung loszulassen. Sie fördert das Selbstmitgefühl und die Selbstakzeptanz.

Es ist DEIN Weg

Ich hoffe, ich konnte dir zeigen, dass es nicht den einen, richtigen Weg aus der Essstörung gibt. Sobald du dich wieder einmal dabei beobachtest, wie ein Teil von dir versucht dich erneut zurück in den Verzicht oder andere schädliche Verhaltensweisen zu überreden, mache dir bewusst, dass du es immer und jederzeit verdient hast weiterzugehen. Du musst nicht neu Anlauf nehmen, um es im zweiten Versuch „besser“ zu machen. Das verlängert den Weg höchstens, schützt dich aber nicht vor anderen Hindernissen, die nun mal Teil des Heilungsprozesses sind.
Allein, dass du für deine Recovery losgehst, ist schon mehr als genug. Du musst niemandem beweisen, dass du noch „krank genug“ bist. Du brauchst kein „Untergewicht“, um weiter deinem Hunger nachgehen zu dürfen und du musst auch nicht jeden Tag 100 % in deiner Recovery geben, denn das kann schnell zum Burnout führen. Jeder kleine Schritt ist unglaublich wertvoll und zu jeder Reise gehören Pausen zum Durchatmen.

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