Aus meinem Recovery Tagebuch – Gewichtszunahme

An dieser Stelle möchte ich mit dir einen Blick in mein Recovery Tagebuch werfen. Ich möchte dir zeigen, wie es mir direkt während meiner eigenen Recovery ergangen ist, welche Gefühle, Ängste und Sorgen mich in den unterschiedlichsten Phasen beschäftigt haben und wie ich heute mit meinem gesunden Ich darauf blicke.
Ich hoffe, dir damit auf deiner eigenen Reise Mut machen zu können. Zu sehen, wie sich mein Leben und meine Gedanken seither verändert haben soll zeigen, dass das, was wir während unserer Reise zu unserem gesunden Ich fühlen, nicht das ist, was wir für den Rest unseres Lebens fühlen werden. Am Ende des Wegs wird es dir so viel besser gehen, auch wenn du dir das heute noch nicht vorstellen kannst.
Ich war dort wo du jetzt möglicherweise noch bist.
Ich bin den Weg gegangen und hoffe, dass diese persönlichen Eindrücke dir Mut und Kraft für deinen eigenen Weg geben.

Hilfe, ich habe mein Zielgewicht erreicht

Es war ein Dienstag. Einer jener Tage, an denen ich zu meiner Hausärztin und somit auf die Waage musste. Die Waage, die darüber entscheiden würde, ob ich meine Wiedereingliederung beginnen darf oder nicht. Ich erinnere mich noch gut an die Panik, welche mir im Wartezimmer den Hals zuschnürte und meinen Puls zum Rasen brachte. Diese Unsicherheit, was die Waage sagen würde, machte mich unglaublich nervös. Wiegen bedeutete für mich immer: Egal welche Zahl auf der Waage steht, ich werde nicht zufrieden damit sein. Ich tat alles dafür zuzunehmen, um wieder arbeiten gehen zu dürfen und gleichzeitig hatte ich Angst mich der dafür nötigen Zahl zu stellen.

 “Als heute beim Arzt endlich das angestrebte Gewicht für meine Wiedereingliederung auf der Waage stand, hat mich im ersten Moment die Panik und die Angst vor dieser Zahl, ja sogar das Gefühl eine Versagerin zu sein, übermannt. Es fühlt sich an wie etwas zu verlieren, etwas loszulassen. Es tut weh und der Abschiedsschmerz schnürt mir den Hals zu. Er umfasst mein Herz mit einer stechenden Enge.”

 

Wie mein gesundes Ich darüber denkt

Die gemischten Gefühle und die Ambivalenz, die ich damals spürte sind ganz normal. Dass sich der “Erfolg“, mein angestrebtes Zielgewicht erreicht zu haben, welches mich ein Stück näher zu meinem normalen Leben zurückbringen würde, anfühlte wie ein Verlust und Abschied, war durchaus nachvollziehbar.

Die Magersucht hatte mir nicht nur viel genommen, sondern auch einiges gegeben. Sie hat mich zu einem gewissen Grad geschützt: vor unerträglichen Gefühlen und davor, Verantwortung für mein Leben übernehmen zu müssen, trotz allem, was mir passiert war. Die Essstörung war immer für mich da. Sie gab mir das Gefühl von Kontrolle und den Anschein mein Leben im Griff zu haben, auch wenn das Gegenteil der Fall war. Das weiß ich heute, doch damals war dieses Gefühl meine Realität.

Als ich an diesem Tag also mein Zielgewicht erreichte, wofür ich so hart gekämpft hatte, spürte ich gleichzeitig unterbewusst, dass ich mich nun nicht mehr hinter einem “Ich kann nicht!“  verstecken konnte. Ich ließ zu, wieder in das echte Leben mit all seiner Verantwortung zurückzukehren. Es war, als würde ich aus meinem schützenden Kokon der Essstörung ausbrechen. Und das machte mir unglaubliche Angst. Je mehr ich von meiner Zerbrechlichkeit verlor, desto mehr musste ich mich dem rauen Leben stellen. Je ”dicker” mein Fell wurde, desto weniger Rücksicht nahmen die Menschen in meinem Umfeld. Schließlich war ich ja jetzt fast wieder gesund. Doch die Seele braucht länger zum Heilen und ich wusste damals nicht, wie ich ausdrücken sollte, was in mir vorgeht, wenn es mein Körper nicht mehr für mich tat.

Wie ich es geschafft habe trotz der Angst weiterzumachen

Hinter all den spontanen Gefühlen der Angst und des Verlustes, schlummerte auch ein Gefühl von Stolz. Ich allein hatte die Entscheidung getroffen diesmal wirklich gesund werden zu wollen und die Waage zeigte mir, dass ich es schaffen konnte. Ich betrauerte zwar den Verlust und ließ dieses Gefühl auch in all seiner Härte zu, anstatt es mit Nichtessen und Sport zu betäuben, wie ich es früher getan hätte. Und gleichzeitig stärkte ich das Gefühl von Stolz in mir. Ich hatte begriffen, dass ich diesen Weg für mich gehe. Ich war erwachsen und niemand anderem Rechenschaft schuldig als mir selbst.

Ein neues Gefühl von Kontrolle keimte auf. Heute nenne ich sie lieber ”Selbstverantwortung”. Es war mein Leben, meine Heilung und mein Weg auf dem ich ging. Ich allein entschied wie ich das tat.

Heute brauch ich meinen Körper nicht mehr, um auszudrücken wie es mir geht. Ich habe innere Stärke und damit Worte gefunden. Ich bin unglaublich glücklich über mein neues Leben. Rückblickend würde ich mich so gerne neben die zarte Romy von damals ins Wartezimmer setzen und ihr sagen, was ich heute weiß: ”Das was dir die Essstörung gegeben hat, brauchst du nicht mehr. Die Stimme, die dir einredet, eine Versagerin zu sein, ist der verzweifelte Versuch der Krankheit dich festzuhalten.  Lass los, vertraue deinem Weg und dem gesunden Teil in dir, der immer stärker werden wird. Die Essstörung hat dich niemals glücklich gemacht doch Recovery wird es tun.  Du schaffst das!”

 

Romy Hörbe

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