SkinnyTok entlarvt: Warum dieser TikTok-Trend gefährlich ist

Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält Informationen über problematische Ernährungsregeln und Körperbilder, die für Menschen mit einer Essstörung oder in Recovery triggern könnten.

Was verbirgt sich hinter SkinnyTok?

SkinnyTok präsentiert sich als harmloser Trend, der angeblich die „geheimen Secrets“ zum schlanken „Trendkörper“ verrät. Im SkinnyTok-Universum auf TikTok reiht sich ein Video ans andere, in dem sehr schlanke oder „leane“ Frauen ihre Schlankheitstipps teilen, dabei aber auch betonen, dass es nicht um Extreme, Hungern oder ungesunde Gewohnheiten geht. Im Gegenteil: SkinnyTok wird angepriesen wie der frischeste Salat und Zuschauerinnen sind dankbar, endlich die geheimen und angeblich gesunden Tipps und Tricks ihrer schlanken Vorbilder zu erfahren.

Die typischen Aussagen klingen zunächst harmlos:

  • „Es geht um bewusste Entscheidungen und Selbstdisziplin, die dir helfen, dich gut zu fühlen und schlank auszusehen.“
  • „Es geht nicht darum, deinen Körper zu hassen, sondern dafür zu sorgen, dass du dich in ihm wohlfühlst.“
  • „Wenn du schlank sein willst, musst du dich ernähren, wie jemand der schlank ist.“

Unter dieser harmlosen Oberfläche verbergen sich jedoch gefährliche Denkmuster, die extrem restriktives Essverhalten fördern und vorgeben, dass jeder skinny sein kann, der macht, was die skinny Vorbilder machen.
Was wir auf SkinnyTok sehen, ist im Kern nichts anderes als eine moderne Version der Pro-Ana-Bewegung der frühen 2000er Jahre – nur diesmal unter dem Deckmantel eines „gesunden Lifestyles“. Im Kern geht es um dasselbe: die Glorifizierung eines ganz bestimmten Körpertyps, der für die meisten Menschen genetisch unerreichbar ist.

In meinem Podcast Romys Recovery Reality spreche ich in Folge 4 ausführlich über das Thema SkinnyTok:

Pro-Ana 2.0: Die erschreckenden Parallelen

Als Recovery Coach und jemand, die 20 Jahre mit einer Essstörung lebte und als Teenager verzweifelt versuchte, in die „elitären Pro-Ana-Gruppen“ hineinzukommen, erkenne ich die Muster sofort wieder.
Seit Beginn der 2000er und mit der Verbreitung des Internets gab es in diesen Foren und Gruppen regelrechte Anleitungen zum Anorektisch-Sein. Bilder von extrem dünnen Models wie Kate Moss wurden als „Thinspiration“ verbreitet und Promis wie Lindsay Lohan und Nicole Richie, die zu dieser Zeit extrem abnahmen, wurden die Vorbilder der Pro-Ana-Anhängerinnen.
In die Community kam man nur rein, wenn man vorweisen konnte, abnehmen zu wollen, sich an die „Gebote“ hielt, oder sich am Teilen von Gewicht, Körpermaßen und „Thinspiration“ beteiligte.
Was an diesen Communitys besonders gefährlich ist: Sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl durch gemeinsame essgestörte Verhaltensweisen und ein gemeinsames Ziel. Die soziale Komponente macht es noch schwerer, auszusteigen – denn wer die Regeln nicht mehr befolgt, verliert den Anschluss und damit auch die vermeintlichen Freunde.
Viele dieser Pro-Ana-Seiten wurden gesperrt, aber bis heute laufen viele von ihnen unter dem Radar und finden immer neue Möglichkeiten, ungesehen zu existieren.

Doch mit SkinnyTok ist das gleiche Phänomen nun in einem neuen Gewand zurück – nur mit einem vermeintlich gesünderen Image. SkinnyTok tarnt sich als gesunder Lebensstil und ein skinny Körper wird als gesundes Ideal dargestellt.
Doch Gesundheit hat nichts mit einer bestimmten Körperform zu tun! Studien zeigen sogar, dass Menschen im höheren Normal-BMI-Bereich (23-25) tendenziell länger leben als solche, die besonders „lean“ und skinny sind.

Was SkinnyTok so gefährlich macht

Einige der gängigen SkinnyTok-Regeln möchte ich aufzeigen, um ihre Gefährlichkeit zu verdeutlichen:

  • „Wenn du keinen Apfel essen würdest, bist du nicht wirklich hungrig.“ Diese Regel lehrt dich, deinen Körpersignalen zu misstrauen. Ein Apfel per se ist nicht schlecht, aber er hilft dir nicht, wenn dein Körper Energie braucht. Ein Apfel ist ein Snack (und selbst dafür noch sehr wenig). Bei echtem Hunger braucht es energiedichte Lebensmittel und kein Volume Food. Unsere Körper sind schlau und senden keinen Appetit auf Äpfel, wenn sie wirklich hungrig sind. Dann braucht es Kohlenhydrate, Fette und Eiweiß.
  • „Willst du einen Snack essen oder willst du aussehen wie ein Snack?“ Dieser Spruch ist die pure Objektifizierung von Frauen. Wir sind nicht hier, um für jemanden ein „Snack“ zu sein. Dieses „Gebot“ treibt Body-Shaming auf die Spitze und stellt Essen und Attraktivität als unvereinbar dar.
  • „Belohne dich nicht mit Essen, du bist kein Hund.“ Diese Aussage soll emotionalem Essen vorbeugen. Doch neben dem extrem harschen und degradierenden Tonfall entmenschlicht sie auch den natürlichen Genuss von Essen.
    Essen darf auch emotional sein – wozu gäbe es sonst Weihnachtsessen oder Geburtstagskuchen!? Es sollte nur nicht der einzige Weg sein, um mit Gefühlen umzugehen.
  • „Ein dünner Körper wird nur gemietet, nicht besessen.“ Einer der gefährlichsten Sprüche, der suggeriert, dass du niemals entspannen und von den Regeln abweichen darfst, sonst verlierst du deinen „gemieteten“ schlanken Körper. Unsere Körper sind von allein bestrebt, in ihrer natürlichen gesunden Set-Range zu bleiben. Diese bleibt ein Leben lang relativ konstant und in dieser Range müssen wir uns auch nicht anstrengen oder Angst haben, dass sich unser Körper verändert, sobald wir doch einmal von den Regeln abweichen und einen Snack essen. Ein Körper, der nur mit einem „Lifestyle“ aus strengen Regeln zu erhalten ist, war von Anfang an nie für uns gemacht.

Was SkinnyTok besonders gefährlich macht: Es verkauft diese Verhaltensweisen nicht als kurzfristige  Diät, sondern als „Lifestyle“, den du ein Leben lang durchhalten musst. Der dünne Körper ist angeblich „nur geborgt“ und du darfst nie aufhören, sonst fliegt dir der Jojo-Effekt um die Ohren und du landest in einem endlosen Kreislauf aus Kontrolle und Angst.

Die Realität ist: Egal, wie genau du versuchst, all diese „What I Eat in a Day“-Videos und Regeln nachzumachen – du wirst nicht automatisch so aussehen. Jeder Körper ist individuell, mit seiner eigenen genetischen Veranlagung.

Für Menschen mit Schwarz-Weiß-Denken und Perfektionismus sind diese Vorgaben extrem gefährlich. Nicht jeder entwickelt gleich eine Essstörung, aber wenn bestimmte Charaktereigenschaften und Trigger zusammenkommen, können diese „harmlosen Tipps“ sich ruckzuck in eine handfeste Essstörung verwandeln.

Die wichtigere Frage ist: WOZU wollen wir diesen „Skinny-Körper“ überhaupt?

Meiner Erfahrung nach versuchen wir damit, tiefere Bedürfnisse zu befriedigen:

  • Anerkennung für Stärke und Disziplin
  • Liebe und Zugehörigkeit, die wir an unser Aussehen knüpfen
  • Sicherheit durch Regeln und Struktur

Die Frage bleibt: Würdest du es immer noch wollen, wenn niemand es sehen würde? Wären all diese Regeln und Einschränkungen es dir dann noch wert?

Was können wir tun?

  1. Reflektiere kritisch: Falls du schon auf SkinnyTok bist, frage dich bei jedem Video: Welches tiefere Bedürfnis versuche ich hier zu erfüllen?
  2. Gestalte deinen Feed bewusst: Folge Accounts, die für Body Positivity und Health at Every Size stehen.
  3. Suche dir echte Gemeinschaft: Eine Gemeinschaft, die dich für dein Sein wertschätzt, nicht für dein Aussehen oder deine „Disziplin“. Mit der „Soul Group“ habe ich einen solchen sicheren Raum für Frauen, die genug von den Regeln der Diätgesellschaft haben, entwickelt.
  4. Umgib dich mit Menschen in der realen Welt: Abseits von Social Media wirst du nicht nur mit einem idealisierten Körperbild konfrontiert, sondern mit einem bunten Spektrum an Körperbildern. Außerdem geht nichts über echte Kontakte und authentische Beziehungen abseits des Bildschirms.
  5. Hole dir professionelle Hilfe: Wenn dich diese Inhalte triggern, sprich mit einem Therapeuten oder Recovery Coach. Gern kannst du dir hier einen Termin für einen kostenfreien Discovery Call aussuchen und wir schauen gemeinsam, wo du stehst und was du brauchst.
  6. Sei ein Vorbild: Die Gesellschaft besteht aus jeder einzelnen von uns. Gerade als Elternteil oder als jemand in einer Vorbildfunktion können wir zeigen, wie ein entspannter, liebevoller Umgang mit Körper und Essen aussehen kann.

Ein Leben in Freiheit
Ich habe in meiner Recovery-Reise gelernt, dass wahre Freiheit nicht darin besteht, einen bestimmten Körper zu haben, sondern darin, ein Leben zu führen, das nicht von Gedanken an Essen, Kalorien und Bewegung dominiert wird. Ein Leben, das sich von den ständig wechselnden Schönheitsidealen befreit. SkinnyTok ist nämlich echt blöd für alle, die sich gerade mühsam im Fitnessstudio einen Po antrainiert haben …

Recovery bedeutet nicht nur, deine Essstörung zu überwinden. Es bedeutet, zu verstehen, wer du wirklich bist, jenseits all dieser äußeren Erwartungen und Regeln. Es bedeutet, ein Leben in Freiheit zu führen, in dem du die Hauptrolle spielst, denn du bist so viel mehr als dein Körper oder ein Trend!

Alles Liebe 🌸

Deine Romy

 

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