Zwischen Selbstfürsorge und Selbstkontrolle: Yoga im Spannungsfeld der Essstörungs-Recovery

Auf dem Weg aus einer Essstörung begegnen uns viele Tools zur Heilung. Eines davon, das oft empfohlen wird, ist Yoga. Doch wie bei fast allem auf dem Recovery-Weg gibt es sowohl Licht als auch Schatten. Heute möchte ich meine persönliche Geschichte mit dir teilen und die Vorteile, aber auch Fallstricke von Yoga während der Recovery von einer Essstörung beleuchten.

Meine Geschichte: Vom „Notnagel“ zur liebevollen Verbindung

Eigentlich hatte ich nie vor, mit Yoga anzufangen. Als Teil meiner Recovery hatte ich mir selbst ein striktes Sportverbot verordnet, um die toxische Verknüpfung,  Essen nur durch Sport und Bewegung zu verdienen, aufzulösen. Ich wollte endlich frei entscheiden können, ob, wann und wie viel ich mich bewege und nicht mehr ständig Panik bekommen, sobald ein Regentag mich daran hinderte „Schritte zu sammeln“.

Yoga kam zu dieser Zeit durch die Hintertür in mein Leben – es „zählte“ für mich nicht als Sport, weil es mir viel zu ruhig erschien. Ich erinnere mich noch an meine ersten Stunden, in denen ich innerlich unruhig auf die Uhr schaute und mich fragte, wann endlich die „richtigen“ Übungen beginnen würden. Etwas, das mich fordert, mich außer Atem bringt, mir das Gefühl gibt, etwas „geleistet“ zu haben.

Doch genau diese Ruhe und vermeintliche „Nicht-Aktivität“, wurde zu meinem größten Geschenk. Schrittweise begann ich, den Körper, den ich so lange als Feind betrachtet hatte, auf eine völlig neue Art wahrzunehmen. Ohne Bewertung. Ohne Vergleich. Einfach nur beobachtend.

Doch ich merkte auch schnell, dass Yoga deutlich intensiver ist, als ich dachte. Besonders die Hüftöffner hatten es in sich – sie lösten in mir Emotionen aus, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existierten. Jahrelang hatte ich so viele Gefühle in mir eingeschlossen und meinen Körper mit Hungern betäubt, um NICHT fühlen zu müssen. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich verwirrt über meine eigene Reaktion auf der Yogamatte saß und leise Tränen über meine Wange flossen und einfach nicht mehr aufhhören wollten – als hätte man ein Loch in ein Fass gebohrt. So beängstigend dieser Moment auch war, so dankbar war ich auch dafür, denn ich fühlte mich zum ersten Mal seit Langem wieder ein Stück weit mit mir verbunden. Weniger leicht fiel mir hingegen der Umgang und die Akzeptanz von Wut, die ich ebenfalls viele Jahre unterdrückt hatte. Doch alles in allem war es unglaublich befreiend, endlich einen Zugang zu meinen verschütteten Gefühlen zu finden.

Heute ist Yoga für mich wie ein regelmäßiges Date mit mir selbst. Es ist eine liebevolle Verbindung geworden, eine Zeit, in der ich in die Bedürfnisse meines Körpers hineinspüren kann. Keine Leistung, kein Muss – sondern ein Raum für Begegnung mit mir selbst.

Vorteile von Yoga in der Essstörungs-Recovery

1. Wiederherstellung der Körperverbindung

Eine Essstörung bedeutet oft eine tiefe Entfremdung vom eigenen Körper. Yoga hilft, diese Verbindung behutsam wiederherzustellen. Durch achtsame Bewegungen lernen wir, unserem Körper zuzuhören, anstatt ihn zu ignorieren oder zu bekämpfen.

2. Achtsamkeit statt Kontrolle

Yoga ist ein sehr hilfreiches Tool, um über die Verbindung mit dem Körper in den gegenwärtigen Moment und ins Hier und Jetzt zu kommen. Damit bietet es ein wirksames Gegenmittel zur obsessiven Kontrolle der Essstörungen, die immer drei Schritte voraus, oder mit den Gedanken noch bei der letzten Mahlzeit ist. Das aktive Üben, im Hier und Jetzt zu sein, kann sich positiv auf das Essverhalten auswirken.

3. Reduzierung des Vergleichens

In einer guten Yoga-Praxis geht es nicht darum, wie eine Pose aussieht oder was andere können. Es geht um die eigene, individuelle Erfahrung und im wahrsten Sinne des Wortes darum, auf der „eigenen Matte“ zu bleiben. Dies kann helfen, aus dem schädlichen Kreislauf des ständigen Vergleichens auszusteigen.

4. Emotionale Regulation

Wie ich es mit den Hüftöffnern erlebt habe, kann Yoga ein sicherer Raum sein, um unterdrückte Emotionen wieder zu spüren und dadurch auch zu verarbeiten – eine wesentliche Fähigkeit für die Recovery.

5. Gemeinschaft und Unterstützung

Yoga-Studios können einen unterstützenden, wert- und urteilsfreien Raum bieten und ein Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln, was in der Recovery unschätzbar wertvoll ist.

Mögliche Fallstricke von Yoga in der Recovery

1. Sucht-Verlagerung

Für manche kann Yoga zu einer neuen Obsession werden, die die Essstörung ersetzt – vor allem leistungsorientierte Stile wie Power Yoga oder Ashtanga.

2. Körperfokussierung

In manchen Yoga-Umgebungen liegt ein starker Fokus auf dem äußeren Erscheinungsbild der Posen oder einem bestimmten „Yoga-Körper“-Ideal, was bestehende Körperbildprobleme verstärken kann.

3. Überbetonung von Reinheit

Einige Yoga-Philosophien betonen „Reinheit“ und könnten unbeabsichtigt restriktives Essverhalten oder eine Schwarzweiß-Denkweise sowie das Erstellen eines neuen Regelwerks verstärken.

4. Überforderung durch emotionale Freisetzung

Wie ich selbst erfahren habe, kann Yoga tiefe Emotionen freisetzen. Ohne angemessene Unterstützung kann dies überwältigend sein.

Yoga für die Recovery: Was hilft wirklich?

Geeignete Stile

Für die meisten Menschen in der Recovery sind sanftere, weniger leistungsorientierte Stile besonders geeignet:

  • Yin Yoga: Ruhige, passive Haltungen, die emotional öffnend und körperlich und mental beruhigend wirken können.
  • Restorative Yoga: Völlig unterstützend, regenerierend und nicht anstrengend
  • Sanftes Hatha Yoga: Ausgewogene Mischung aus Bewegung und Entspannung
  • Traumasensitives Yoga: Schafft einen geschützten Raum für Menschen mit Essstörungen durch seinen Fokus auf Wahlfreiheit und Selbstbestimmung. Es verzichtet auf unerbetene Korrekturen (Hand auflegen) oder idealisierte Posen und betont stattdessen die innere Erfahrung. Dieser achtsame Ansatz hilft, die Verbindung zum Körper als sicheren Ort wiederherzustellen.

Wie du Yoga sicher in deine Recovery integrieren kannst:

  1. Finde den richtigen Lehrer: Suche jemanden, der Verständnis für Essstörungen hat oder traumasensibel arbeitet und einen körperpositiven, nicht-leistungsorientierten Ansatz vertritt.
  2. Achte auf deine Motivation: Frage dich ehrlich: Warum mache ich Yoga? Ist es Selbstfürsorge oder eine weitere Form der Selbstbestrafung oder des Kalorienzählens?
  3. Setze klare Grenzen: Lege im Voraus fest, wie oft du üben wirst, um exzessives Verhalten zu vermeiden.
  4. Entwickle eine mitfühlende Praxis: Erlaube dir, Pausen zu machen, Variationen zu wählen und vollständig auf deinen Körper zu hören.

Fazit

Yoga kann ein wunderbares Werkzeug auf deinem Weg aus einer Essstörung sein – aber wie jedes Werkzeug kommt es darauf an, wie wir es nutzen. Für mich wurde es vom ungewollten „Notnagel“ zu einem der wertvollsten Tools, auch über meine Recovery hinaus.

Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, ob Yoga „gut“ oder „schlecht“ für die Recovery ist. Es geht darum, wie wir diese Praxis angehen und ob sie uns dabei hilft, eine liebevollere, friedlichere Beziehung zu unserem Körper zu entwickeln.

Heute, viele Jahre später, ist Yoga für mich kein Ersatz für Sport oder ein Trick, um Kalorien zu verbrennen oder mir essen zu „verdienen“. Es ist mein Raum für Selbstbegegnung geworden. Ein Raum, in dem ich keine Leistung erbringen muss. Ein Raum, in dem ich einfach sein darf – mit allem, was zu mir gehört.

Alles Liebe

Deine Romy 🌸

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