Dies ist der erste Teil meiner dreiteiligen Blogserie über die versteckten Funktionen von Essstörungen. Teil 2 behandelt die Essstörung als Identität, Teil 3 den Körper als Kommunikationsmittel.
Warum ist es manchmal so unglaublich schwer, eine Essstörung loszulassen – selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen als Freiheit? Diese Frage begleitet viele Betroffene auf ihrem Recovery-Weg, und ich kenne diesen inneren Konflikt nur zu gut.
Nach über 20 Jahren im Kreislauf aus Diäten, Essanfällen, Abführmittelmissbrauch, Orthorexie und Sportsucht stand ich selbst vor sechseinhalb Jahren an einem Wendepunkt. Ich hatte erkannt, dass Recovery alternativlos ist, hatte mir alle Gründe erarbeitet, warum es sich lohnen würde, gesund zu werden, und besaß das nötige Wissen.
Und trotzdem: Ins Handeln zu kommen, fühlte sich nahezu unmöglich an. Ich ging einen Schritt los und im nächsten Moment dachte ich: „Nein, doch nicht.“
Durch das ständige Im-Kreis-Drehen fragte ich mich irgendwann immer frustrierter: „Romy, was ist eigentlich dein Problem? Wenn du gesund werden willst, warum machst du es dann nicht?“
Der goldene Käfig und seine verborgene Funktion
Eine Essstörung ist wie ein goldener Käfig: Sie gibt Schutz und Struktur, nimmt uns aber auch die Freiheit. Wir bleiben darin gefangen, weil sie wichtige Funktionen in unserem Leben erfüllt – Funktionen, über die kaum jemand spricht, die aber das Loslassen so schwer machen. Lass uns ein paar dieser Funktionen mal näher betrachten.
Die Essstörung als emotionaler Schutzraum
Essstörungen beginnen nicht als bewusste Entscheidung. Sie entwickeln sich oft als emotionaler Regulationsmechanismus, wenn uns andere Bewältigungsstrategien fehlen. Sie sind nicht einfach eine schlechte Gewohnheit oder eine schiefgegangene Diät – auch wenn Diäten ein Einstieg sein können.
Bei mir begann alles in der Grundschule, als Essen zu meinem Trost, Freund und verlässlicher Konstante wurde. Wann immer ich mich einsam fühlte, war Essen für mich da. Dafür verzichtete ich sogar auf mein Mittagessen in der Schule, denn das Geld brauchte ich, um mir meine Süßigkeiten-Freunde leisten zu können.
Besonders nach der Trennung meiner Eltern und der Geburt meiner Halbschwester, als ich mich ausgeschlossen und einsam fühlte, wurde Essen zu meinem emotionalen Halt. Später nutzte ich es (unbewusst) auch zunehmend als Ausdruck für meinen Selbstwert und zur Unterdrückung unangenehmer Gefühle.
Mit der Zeit entwickelte sich ein Muster: Ich erlaubte mir nur zu essen, wenn Menschen, die ich mochte, nett zu mir waren. Nagender Hunger lenkte mich von dem unangenehmen Gefühl ab, eine Außenseiterin zu sein. Mich auf meinen knurrenden Magen zu konzentrieren war leichter, als zu ertragen, dass ich nicht die Zuwendung bekam, die ich mir wünschte.
Diese emotionalen Funktionen bilden den Kern der Erkrankung. Essgestörte Verhaltensweisen geben einen scheinbar sicheren Raum, in dem wir Kontrolle erleben, wenn alles andere außer Kontrolle erscheint. Sie werden zu einem Weg, um mit Gefühlen umzugehen, die wir nicht fühlen wollen.
Diese Funktionen sehe ich auch häufig bei meinen Coachees: Essen wird zweckentfremdet und bekommt eine Aufgabe zugeschrieben, für die es eigentlich gar nicht gedacht ist. Das fördert wiederum das Misstrauen gegenüber bestimmten Lebensmitteln („wenn ich etwas Süßes esse, kann ich mich nicht bremsen“).
Es liegt aber nicht an den Süßigkeiten, sondern daran, dass wir ihnen eine Aufgabe als emotionalen Loch-Stopfer gegeben haben, die sie nicht erfüllen können. Egal, wie viel Süßes wir essen, nichts wird diese emotionale Leere füllen können.
Vom Verstehen zum Überwinden
Das Erkennen dieser emotionalen Funktion ist der erste Schritt auf dem Weg aus dem goldenen Käfig. Es erklärt den inneren Konflikt zwischen dem rationalen Wissen, dass wir die Essstörung loslassen sollten, und dem emotionalen Bedürfnis, an ihr festzuhalten.
Um die Essstörung wirklich loslassen zu können, müssen wir nicht nur die Symptome behandeln, sondern alternative Wege finden, diese tieferen emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Wir brauchen gesunde Bewältigungsstrategien, die uns erlauben, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, ohne auf die Essstörung zurückzugreifen.
In Teil 2 dieser Serie werde ich auf weitere Faktoren, die das Loslassen so schwer machen, eingehen. Darin teile ich mit dir, wie die Essstörung Teil unserer Identität wird und welche versteckten Vorteile sie uns bieten kann.
Alles Liebe 🌸
Deine Romy
In meinem Podcast Romys Recovery RealiTea spreche ich ausführlich über „Die Kunst des Loslassens der Essstörung“:
Wenn du dir Unterstützung auf deinem Recovery-Weg wünschst, kann mein systemischer und identitätsbasierter Ansatz für dich hilfreich sein. In meinen 1:1 Coachings betrachten wir nicht nur die Symptome, sondern auch deine tieferen emotionalen Bedürfnisse und entwickeln praktische, umsetzbare Strategien für deine ganz individuelle Situation.
Suche dir hier gern einen Termin für einen kostenfreien Discovery Call mit mir aus. Dort schauen wir gemeinsam, wo du stehst, und finden heraus, wie ich dich unterstützen kann – denn mit der richtigen Unterstützung ist der Weg aus dem goldenen Käfig deutlich leichter.




