Von der Kontrolle zur Freiheit – Der erste Schritt aus der Magersucht

Kennst du das Gefühl, dass dir deine Essstörung zunehmend mehr nimmt, als sie dir gibt? Du hast aus bester Absicht angefangen, dich gesünder zu ernähren, Sport zu machen und dadurch Erfolge gesehen und vielleicht sogar Komplimente bekommen, die dich angespornt haben, weiterzumachen. Aber inzwischen hast du das Gefühl, ohne diese Kontrolle nicht mehr leben zu können?

Deine ganze Welt dreht sich immer mehr um Essen, Kalorien, die Zahl auf der Waage und Bewegung.

Treffen mit Freunden sind nichts mehr, worauf du dich freust, sondern eine Herausforderung in deinem durchgetakteten Tag und eine Bedrohung für die Routinen deiner Essstörung?

Ich kenne dieses Gefühl der Zerrissenheit gut – Du spürst einerseits die Sicherheit, die dir deine Essstörung gibt, doch gleichzeitig ahnst du, dass es da draußen noch so viel mehr gibt. Mehr Leben. Mehr Freiheit. Und der tiefe Wunsch, (wieder) mehr du selbst zu sein.

Wie die Kontrolle mich kontrollierte

Für mich war die Kontrolle meiner Essstörung wie ein Treibholz auf dem offenen Meer des Lebens, welches mir schwer und unberechenbar vorkam.
Jeden Schritt habe ich gezählt, jede Mahlzeit kalkuliert, jedes verlorene Gramm notiert. Dadurch fühlte ich mich stark, besonders und sicher. Doch der Preis für diese vermeintliche Kontrolle war mein Leben, meine Leichtigkeit, meine Freude.
Ich verlor nicht nur Gewicht, sondern auch meine Lebendigkeit, meine Periode, meine Energie, meine Freunde und die Beziehung zu mir selbst und meinem Körper. Ich war die Gefangene meines eigenen Kopfes. Die Kontrolle bestimmte jeden Aspekt meines Lebens:

  • Ich zwang mich zu extrem „gesunder“ Ernährung (Orthorexie)
  • Ich beschränkte mich auf Essensmengen, die mich gerade noch „funktionieren“ ließen
  • Ich unterwarf mich strengen Regeln, wann, was und wie viel ich essen durfte
  • Ich MUSSTE jeden Tag eine bestimmte Schrittzahl erreichen
  • Ich trieb Sport, auch wenn ich keine Kraft mehr hatte oder krank war
  • Besuche bei Freunden versuchte ich mit meinen Essenszeiten zu vereinbaren
  • Ich brachte ständig meine „sicheren“ Lebensmittel von Zuhause mit, wenn ich irgendwo eingeladen war und stieß damit meine Freunde vor den Kopf 😕

Der Wendepunkt

2018 kam der Moment der Wahrheit: Ich bekam nach zwanzig Jahren, in denen ich bereits mit der Essstörung lebte, die Diagnose Magersucht und Orthorexie. Mit der Diagnose folgte prompt auch ein Arbeitsverbot. Wenn ich je wieder zurück in die Kita wollte, musste ich zunehmen, bis zu dem von der Arbeitsmedizin vorgegebenen Gewicht. Mein Albtraum! Zu dieser Zeit war mein gefühlt größter Erfolg, dass ich es nach 13 Jahren im „Normalgewicht“ endlich ins Untergewicht und damit in einen für mich akzeptablen Körper „geschafft“ hatte. Nach Jahren mit Essanfällen und Bulimie war ich verdammt stolz darauf endlich „diszipliniert“ zu sein und das Gefühl, mein Leben nun endlich „im Griff“ zu haben, verstärkte sich.

Doch in diesem Moment der Panik, als mir klar wurde, dass ich nicht „einfach wieder zunehmen“ konnte und wollte, musste ich mir eingestehen, dass ich GAR nichts mehr unter Kontrolle hatte – die Krankheit kontrollierte MICH. Ich konnte nicht aufhören mit all meinen Zwängen und Mustern. Zu laut war die Stimme in meinem Kopf und das schlechte Gewissen.
Drei Monate lang wartete ich, vollgepackt mit Wissen über die Recovery, auf den Moment, „bereit“ zu sein, um loszulassen und die nötigen Schritte zu gehen.

Doch nach dem dritten Monat, in dem ich mich im Kreis drehte, musste ich anerkennen: Der Moment, in dem ich mich bereit fühle, wird niemals kommen. Ich musste eine Entscheidung treffen – ohne mich bereit zu fühlen: FÜR mich. FÜR mein Leben. Um endlich aus dem Teufelskreis auszubrechen.

Vier Anzeichen, dass auch DU bereit bist für den ersten Schritt zur Freiheit

Unser Gehirn liebt die Sicherheit des Gewohnten, auch wenn es schlecht für uns ist. Alles Neue wird sich nie sofort gut anfühlen und wir uns deshalb nie final bereit, den ersten Schritt zu gehen. Aber diese Anzeichen können dir helfen zu erkennen, dass du trotzdem bereit bist für deinen Weg in die Freiheit:

  • Du spürst eine tiefe Sehnsucht nach mehr Leben und Freiheit, auch wenn die Angst noch da ist
  • Du erkennst, dass die „Kontrolle“ dich mehr kontrolliert als du sie
  • Du willst deine Gefühle nicht länger betäuben, sondern sie fühlen und auf gesunde Weise bewältigen lernen
  • Die Angst, da zu bleiben, wo du bist, ist größer als die Angst vor der Zukunft

Der Weg zur Heilung

Heilung bedeutet Loslassen. Loslassen von Überzeugungen und falschen Versprechungen deiner Essstörung. Von der Illusion der Kontrolle.

Es bedeutet, nicht länger zu warten auf das Gefühl bereit zu sein, sondern zu entscheiden, dass genau JETZT der Moment ist, den ersten Schritt zu tun … und dann den zweiten. Es ist ok, den Weg mit Ängsten und Zweifeln zu gehen. Sie werden beim Gehen kleiner und verschwinden. 🩷

Jeder einzelne Schritt macht dich mutiger und stärker, auch wenn es sich vielleicht erstmal nicht so anfühlt.

Heilung bedeutet auch Vergebung dir selbst gegenüber. Du hast nichts falsch gemacht, wenn du deine Essstörung bisher nicht loslassen konntest. Aber du kannst dich jeden Moment neu entscheiden und Schritt für Schritt und in deinem Tempo lernen, auch ohne dein Treibholz auf dem Meer des Lebens zu schwimmen.

Ich bin für dich da, wenn du dir Unterstützung auf deinem Weg wünschst.

Alles Liebe 🌸

Deine Romy

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