Wie erlange ich nach einer Essstörung das Vertrauen in meinen Körper zurück?

Vertrauen zu deinem Körper aufzubauen ist wie das Aufbauen einer Freundschaft

Freundschaften zeichnen sich durch gegenseitige Sympathie und Vertrauen aus. Sie entstehen nicht von heute auf morgen:
Wir lernen einen Menschen kennen, beginnen ihn sympathisch zu finden und verbringen zunehmend mehr Zeit mit ihm.
Wir prüfen in dieser Zeit, ob wir uns mit ihm wohlfühlen, ob wir ihm trauen können und ob er uns wohlgesonnen ist.

Auch die Beziehung zu unserem Körper und das Vertrauen in ihn entsteht während einer Essstörung und in der Recovery nicht einfach so. Vielleicht hast du, genau wie ich damals, den Kontakt zu deinem Körper komplett verloren – kannst weder seine Signale noch seine Bedürfnisse deuten oder sie überhaupt wahrnehmen.

Doch das heißt nicht, dass dies für immer so bleibt. Eine wichtige Aufgabe in der Recovery ist es zu lernen, wieder ein Team mit deinem Körper zu werden und nicht gegen ihn anzukämpfen, sondern MIT ihm gemeinsam durchs Leben zu gehen.

Dein Körper sucht sein Leben lang die Freundschaft zu dir. Als Kind hast du diese noch gepflegt, doch als die Essstörung eine wichtige Funktion in deinem Leben übernommen hat, ist die Freundschaft zu deinem Körper in den Hintergrund gerückt. Vielleicht kannst du dich gar nicht mehr daran erinnern, dass ihr überhaupt einmal befreundet ward. Wir bekommen so viele Botschaften von der Diät-Kultur und beginnen zunehmend misstrauisch zu werden und unserem Körper zu misstrauen. Tracking Apps, Kalorien zählen, Sport und andere Verhaltensweisen der Essstörung treten an die Stelle des einstigen Vertrauens. Extremhunger, Essanfälle, Periodenverlust und der Verlust des Zugangs zu unserem Körper sind die Folge. Wir fangen an zu glauben, er wäre gegen uns, dabei versucht er uns mit all diesen Symptomen nur dazu zu bringen, ihm endlich wieder zuzuhören. Er kämpft um unsere Freundschaft.

Wie dein Körper wieder lernt dir zu vertrauen

Während meiner Recovery wuchs der Wunsch, meinem Körper (wieder) vertrauen zu können. Doch wie bei allen Freundschaften beruht dieses Verhältnis auf Gegenseitigkeit. Auch unser Körper möchte sich sicher fühlen. Das zu verstehen, war der Wendepunkt in meiner Recovery.
Ich begann, meinem Körper ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ich wollte, dass er mir wieder vertraut und dafür brauchte es ein paar Grundvoraussetzungen.
Ein Freund vertraut dir, wenn du dein Wort hältst, zuverlässig bist und ihn nicht belügst. Und genau so kannst du auch mit deinem Körper umgehen:

  •  Höre auf seine körperlichen und mentalen (Gedanken an Essen) Hungersignale
  • Gib ihm regelmäßig ausreichend Energie (alle 2-4 Stunden)
  • Gib ihm GENUG Energie und erlaube ihm sich satt zu essen
  • Gib ihm genau die Lebensmittel, auf die er Appetit hat und nicht irgendwelche “gesünderen” Alternativen, Light- oder Ersatzprodukte
  • Trickse ihn nicht aus mit „Volume Food“, Kaffee und viel Flüssigkeit zu den Mahlzeiten, nur um deinen Magen zu füllen
  • Erlaube ihm sich auszuruhen, wenn er dir signalisiert, dass er müde ist
  • Behandle ihn mitfühlend und beschimpfe ihn nicht, auch wenn dir sein Aussehen nicht gefällt.
  • Verzeihe ihm, wenn er mit einem Blähbauch, Wassereinlagerungen oder Verstopfung auf die neue Ernährung reagiert. Er wird lernen, damit umzugehen und seinen Stoffwechsel daran anpassen.
  • Halte Ausschau nach Dingen, die du sympathisch an dir findest. Denke auch hier an deine Freunde: Magst du sie, weil sie eine bestimmte Figur haben, oder weil sie tolle Eigenschaften haben, die du liebenswert findest? Was mögen deine Freunde an dir?

All diese Fragen und Dinge können dir helfen, dich deinem Körper wieder anzunähern und eine neue Freundschaft entstehen zu lassen, die weit über seine Optik hinausgehen. Dein Körper ist nicht dazu da diese Welt zu dekorieren, sondern um deiner wundervollen Seele ein Zuhause zu geben, durch das sie die Schönheit der Welt erleben kann.

Mein Körper hat mir inzwischen verziehen. Er vertraut mir wieder, hat mir eine gesunde Verdauung, einen aktiven Stoffwechsel, Energie und noch vieles mehr als Dankeschön für meine Freundschaft zurückgegeben. Und auch ich vertraue ihm, auch wenn er mir den ein oder anderen Blähbauch, ein paar Gewichtsschwankungen oder etwas anderes schickt. Ich weiß, er meint es nicht böse. Heute sind wir ein Team und arbeiten zusammen.
Genau das wünsche ich mir auch für dich und deinen Körper, immerhin verbringen wir mit ihm unser ganzes Leben. Mit wem bist du lieber zusammen? Einem Freund, oder einem Gegner, mit dem du im dauerhaften Kampf lebst?

Gern unterstütze ich dich auf deinem Weg aus der Essstörung.

Deine Romy

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