Dies ist der dritte Teil meiner dreiteiligen Blogserie über die versteckten Funktionen von Essstörungen. In Teil 1 haben wir über den emotionalen Schutzraum gesprochen, in Teil 2 über die Essstörung als Identität und ihre versteckten Vorteile.
Wie gern verkauft uns die Gesellschaft, dass es bei Essstörungen (insbesondere Magersucht) nur darum geht, schön und schlank zu sein. Das ist ziemlich oberflächlich und definitiv zu einfach gedacht. Essstörungen können mit dem Wunsch, dünn zu sein, beginnen, aber selbst dieser Wunsch hat bereits tiefer liegende Gründe, als einfach nur „schön“ zu sein.
Der Körpers als Kommunikationsmittel.
Ein besonders tiefgreifender Aspekt, der das Loslassen einer Essstörung erschweren kann, ist die Rolle des Körpers als Kommunikationsmittel. Besonders wenn wir Schwierigkeiten haben, unsere Bedürfnisse und Grenzen verbal auszudrücken, kann der Körper diese Rolle übernehmen.
Nach mehreren traumatischen Ereignissen mit meinem Ex-Partner wurde mein Körper zu einem stillen Mahnmal dafür, dass etwas passiert war.
Ich hatte Angst, dass man mir nicht glauben würde – eine Angst, die durch negative Erfahrungen mit unserem Justizsystem sogar noch verstärkt wurde und sich als nicht ganz unberechtigt herausstellte.
Aufgrund meines emotionalen Zustands (PTBS, Depressionen) verschwand mein Hungergefühl und meine Motivation zu essen. Ich nahm ab und bekam plötzlich Kommentare wie „Jetzt sieht es aber nicht mehr schön aus“. Und das sollte es auch nicht! Es war mir egal und ein Teil von mir wusste, dass ich den Grad von „schön schlank“ zu „krankhaft dürre“ bereits überschritten hatte.
Mit Schönheit hatte es nichts mehr zu tun. Und ich wollte auch nicht mehr schön sein.
Mit Schönheit hatte es nichts mehr zu tun. Und ich wollte auch nicht mehr schön sein.
Unterbewusst dachte ich: Wer so schlimm aussieht, dem muss man doch glauben. Das macht doch niemand aus Spaß! Mein sichtbares körperliches Leid sollte nach außen bringen, wie es IN mir aussah.
Gleichzeitig gab mir die extreme Kontrolle über meine Ernährung nach dieser Ohnmachtserfahrung ein Gefühl von Sicherheit. Ich kontrollierte, wann ich esse, wie viel ich esse, was ich esse, wie die Lebensmittel zubereitet werden – das gab mir Halt und ein Stück Kontrolle zurück.
Die wahre Bedrohung einer Gewichtszunahme
Eine Gewichtszunahme hätte damals für mich bedeutet: Es geht mir wieder gut. Aber emotional war ich noch lange nicht geheilt. Ich hatte Angst, dass der sichtbare Heilungsprozess meinen inneren Schmerz unsichtbar machen würde.
Diese Angst sehe ich auch bei einigen meiner Coachees. Sie tragen alte Verletzungen in sich und ihr Körper dient oft als Schutzschild, Ausdrucksmittel oder – wie bei mir – als Mahnmal. Sie wollen nicht „schön“ sein, sondern krank aussehen oder wenigstens noch „krank genug“. Auch wenn ihnen das, wie auch mir damals, vielleicht gar nicht bewusst ist. Eine Gewichtszunahme würde für sie bedeuten, „normal“ zu sein. Doch das ist erst attraktiv, wenn sie gelernt haben, ihren Schmerz anzuerkennen und Stück für Stück zu transformieren.
Wenn der Körper schneller heilt, als die Seele
Meine Angst bestätigte sich damals sogar teilweise. Als mein Gewicht wieder im „Normalbereich“ lag und mir meine Anorexie-Diagnose gestrichen wurde, verlor ich auch meine durch den gewonnenen Prozess erlangte Opferentschädigungsrente – obwohl ich noch immer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung litt.
Mich aus der offensichtlichen Essstörung herausgearbeitet zu haben, aber emotional immer noch mit den Folgen der damaligen Ereignisse umgehen zu müssen und keine Entschädigung mehr dafür zu erhalten, fühlte sich an, als würde ich zum zweiten Mal zum Opfer werden. Ich fühlte mich erneut ohnmächtig und ungerecht behandelt. Ein wackeliger Punkt in meiner Recovery, an dem ich erneut eine Entscheidung treffen musste.
Doch genau das wurde mein Wendepunkt. Ich entschied: Ich will kein Opfer mehr sein! Ich will mein Leben nicht mehr wegwerfen, nur um der Welt zu zeigen, dass mir etwas passiert ist.
Ich erkannte, dass es unglaublich stark war, was ich bereits erreicht hatte und dass die eh sehr geringe Entschädigung es nicht wert war, meine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Ja, es war etwas in meiner Vergangenheit passiert und ich spüre auch bis heute noch die Folgen – aber ich wollte nicht noch mehr Macht an die Vergangenheit abgeben. Also entschied ich mich, meine Zukunft zu gestalten. Das klingt jetzt vielleicht leicht, aber auch diese Entscheidung war ein Prozess.
Sie half mir, meinen Körper als Ausdrucksmittel und als Schutz vor dem Leben final loszulassen.
Auch bei meinen Klientinnen sehe ich, wie ihr Körper zum Ausdrucksmittel für ihre Grenzen dient oder als Schutz vor Überforderung – sei es, weil sie zerbrechlicher und verletzlicher aussehen oder weil sie sich in einem mehrgewichtigen Körper weniger angreifbar fühlen.
Der Körper kann auch als Erlaubnis dienen, nicht mehr so viel leisten zu müssen, oder als Mahnmal für alte Verletzungen. Die Angst, bestimmte Teile davon zu verlieren, ist nicht unbegründet – Aber wir gewinnen auch so viel Neues dazu!
Der Weg in die Freiheit
Das Erkennen dieser tieferen Funktionen einer Essstörung erklärt den inneren Konflikt, den viele auf ihrem Recovery-Weg erleben. Es geht nicht nur darum, das Gewicht zu normalisieren oder „besser zu essen“, sondern darum, neue Wege zu finden, unsere tiefsten Bedürfnisse zu erfüllen und unsere Stimme zu finden.
Auf meinem eigenen Weg durfte ich lernen, für mich einzustehen. Als mein Gewicht sich dem Normalbereich näherte und ich durch die mentale und innere Arbeit eine andere Ausstrahlung bekam, schlug das Mitgefühl meiner Kollegen schnell in Unverständnis um: „Warum arbeitet sie denn jetzt nicht wieder voll? Sie sieht ja wieder viel besser aus!“
Genau hier lernte ich, mich selbst wichtig und ernst zu nehmen. Recovery ist ein innerer Prozess, der von außen nie vollständig sichtbar oder verständlich sein wird.
Die Transformation, die mit der Recovery einhergeht, geht weit über das Essverhalten hinaus – sie umfasst unsere Identität, unsere Beziehungen, unsere Art zu kommunizieren und unser gesamtes Selbstverständnis.
Durch die Dunkelheit ins Licht
Der Weg in die Freiheit führt paradoxerweise oft zunächst durch mehr Dunkelheit. Wenn wir beginnen, die Essstörung loszulassen, können sich die Symptome vorübergehend sogar verschlimmern. Gefühle, die wir lange unterdrückt haben, kommen hoch, und die Vorteile, die wir durch die Essstörung hatten, fallen weg, bevor wir neue, gesündere Wege gefunden haben.
Diese Phase kann sich anfühlen wie eine Verschlechterung, bevor es besser wird. Genau deswegen ist Unterstützung auf diesem Weg so wichtig – sei es durch Therapeuten, ausgebildete Coaches oder eine unterstützende Gemeinschaft.
Als systemischer Coach und Identity Transformation Coach betrachte ich die Essstörung als Symptom für etwas viel Tieferliegendes, das neue, gesunde Alternativen benötigt. Die Überwindung einer Essstörung ist eine komplexe psychologische Herausforderung und gleichzeitig eine enorme Chance zur Persönlichkeitsentwicklung.
Es geht darum, deine verborgenen Bedürfnisse zu erkennen, anzuerkennen und neue, gesündere Wege zu finden, sie zu erfüllen. In meinem Recovery-Coaching betrachten wir nicht nur die Symptome, sondern dich mit deinem Umfeld als Ganzes.
Erkennst du dich in einigen dieser Muster wieder? Möchtest du verstehen, welche tieferen Funktionen deine Essstörung für dich erfüllt und neue Wege finden, deine Bedürfnisse zu erfüllen? In meinem Recovery-Coaching begleite ich dich auf diesem Weg – mit fachlicher Expertise, gelebter Erfahrung und tiefem Verständnis für deinen persönlichen Prozess.
Suche dir gern einen Termin für einen kostenfreien Discovery Call mit mir aus, in dem wir gemeinsam schauen, wo du stehst und wie ich dich unterstützen kann.
Für dein Leben in echter Freiheit und Selbstbestimmung.
In meinem Podcast Romys Recovery RealiTea spreche ich ausführlich über „Die Kunst des Loslassens der Essstörung“:




