Dies ist der zweite Teil meiner dreiteiligen Blogserie über die versteckten Funktionen von Essstörungen. In Teil 1 haben wir über den emotionalen Schutzraum gesprochen, Teil 3 wird den Körper als Kommunikationsmittel behandeln.
Eine der stärksten Bindungen zur Essstörung entsteht, wenn sie Teil unserer Identität geworden ist. Die Frage „Wer bin ich ohne meine Essstörung?“ löst bei vielen Betroffenen tiefe Angst aus – ein weiterer Grund, warum der Weg in die Freiheit so schwer ist.
Die Essstörung als Teil der Identität
Die Essstörung gibt uns eine Aufgabe, Struktur, Halt und eine Identität. Wir wissen genau, was zu tun ist und wie wir uns zu verhalten haben. Auch unser Umfeld hat ein klares Bild von uns: Wir sind „die Sportliche“, „die Dünne“ oder „die Disziplinierte“.
Als ich mit Anfang 20 das erste Mal nach bereits 13 Jahren mit der Essstörung ins Untergewicht laut BMI fiel, fühlte sich das paradoxerweise wie ein Erfolg an. Ich war stolz darauf, etwas erreicht zu haben, was ich viele Jahre nicht konnte und von dem auch meine Familie meinte, dass es von meiner Genetik her gar nicht möglich wäre.
Mein damaliges Ich (gesteuert von dem essgestörten Anteil in mir) sah auf andere herab, die nicht so „diszipliniert“ waren wie ich. Schon damals wusste ich: „So oberflächlich bin ich eigentlich gar nicht.“, aber damals gab es meinem niedrigen Selbstwert ein Gefühl von Überlegenheit, wo ich mich sonst unterlegen oder nicht gut genug fühlte.
Die Essstörung gab mir eine neue Identität. Ich war plötzlich die Disziplinierte, die Willensstarke, die sich gesund Ernährende.
Ich fühlte mich besonders und zum ersten Mal wichtig, als andere Frauen anfingen, mich nach Ernährungs- und Abnehmtipps zu fragen.
Wenn wir uns über eine solche Identität definieren, entsteht die beängstigende Frage: „Wer bin ich ohne meine Essstörung? Was bleibt von mir, wenn dieser Teil wegfällt?“
Diese Fragen machen das Loslassen unglaublich schwer.
Hinzu kommt die Angst vor dem Ausschluss aus einer Gesellschaft, die Dünnsein mit Gesundheit, Leistung und Disziplin gleichsetzt. Es ist unglaublich mutig, in unserer Gesellschaft genau das Gegenteil zu tun: sich auszuruhen, wenn andere sich über Leistungen definieren, und zuzunehmen, wo die meisten versuchen, abzunehmen.
Die versteckten Vorteile der Erkrankung
So schwer es für Außenstehende zu verstehen sein mag: Eine Essstörung kann unbewusste Vorteile mit sich bringen – Dinge, die wir durch die Erkrankung bekommen, die wir sonst vielleicht nicht bekommen würden.
Nach meiner Magersuchtdiagnose mit Anfang 30 veränderte sich mein Umfeld komplett. Auf der Arbeit bekam ich plötzlich viel Mitgefühl. Mir wurde Zeit gegeben, gesund zu werden, und niemand verlangte mehr, dass ich Leistung erbringe.
Nach Jahren, in denen mein Lieblingssatz „Ich muss funktionieren“ war, empfand ich eine riesige Erleichterung, weil ich endlich lockerlassen durfte. Ich musste nicht mehr funktionieren, nicht mehr leisten und durfte endlich auch mal schwach sein.
Auch in meiner Familie erlebte ich plötzlich mehr Fürsorge. Als ältere Schwester war ich immer „die Große“, die Vernünftige. Mit der Diagnose fühlte es sich an, wie ein Rollentausch – ich durfte endlich auch einmal „die Kleine“ sein, die umsorgt wird.
Nach Jahren, in denen ich mich nicht zugehörig gefühlt hatte, bekam ich endlich die Aufmerksamkeit und Fürsorge, nach der ich mich so lange gesehnt hatte – allerdings zu einem sehr hohen Preis.
Der Gedanke, die Essstörung loszulassen und damit wieder gesund auszusehen, machte mir daher große Angst. Ich war nicht sicher, ob ich bereit war, diese Vorteile wieder herzugeben. Gleichzeitig merkte ich: Mir läuft die Zeit davon. Wenn ich nicht gesund werde, verliere ich noch mehr.
Diese unbewussten Vorteile – sei es mehr Aufmerksamkeit, weniger Erwartungen, Entlastung von Druck oder besondere Rücksichtnahme – können eine starke unbewusste Motivation sein, an der Essstörung festzuhalten, obwohl wir rational wissen, dass wir gesund werden wollen.
Wenn die Vorteile nachlassen
Was ich häufig bei Klientinnen beobachte, die schon viele Jahre mit ihrer Essstörung leben ist, dass diese Vorteile irgendwann wegfallen. Familien und Partner gewöhnen sich daran, die anfängliche Aufmerksamkeit lässt nach und auch die Sorge schwindet, denn niemand schafft es, sich über Jahre oder Jahrzehnte dauerhaft Sorgen zu machen und immer in Angst um den geliebten Menschen zu leben. Die Krankheit wird das neue Normal.
Die Krankheit wird das neue Normal
Spätestens wenn enge Familienmitglieder sterben oder wir auf uns selbst zurückgeworfen sind, kann das extrem frustrierend sein. Doch solche Momente können auch ein Weckruf und eine starke Motivation sein, sich doch endlich FÜR die Recovery zu entscheiden.
Es ist nie zu spät, mit der Recovery zu starten – die meisten meiner Klientinnen sind Ende 30 bis Anfang 60. Sie alle haben erkannt: Der Weg in die Freiheit lohnt sich an jedem Punkt des Lebens.
Die eigenen Muster erkennen
Das Bewusstmachen dieser verborgenen Vorteile ist oft unangenehm – wer gibt schon gerne zu, dass eine Krankheit auch „Gewinne“ mit sich bringen kann? Doch genau dieses Erkennen ist ein entscheidender Schritt zur Heilung.
Wenn wir verstehen, welche Bedürfnisse wir über die Essstörung zu erfüllen versuchen, können wir beginnen, gesündere Wege zu finden, um diese Bedürfnisse zu stillen. Wir können lernen, für uns einzustehen, uns selbst wichtig zu nehmen und Selbstfürsorge zu praktizieren, ohne den hohen Preis der Essstörung zahlen zu müssen.
In Teil 3 dieser Serie werde ich darauf eingehen, wie der Körper zum Kommunikationsmittel wird und wie der Weg in die Freiheit aussehen kann – selbst wenn er zunächst durch mehr Dunkelheit führt.
In meinem Recovery-Coaching betrachten wir gemeinsam die verborgenen Funktionen deiner Essstörung und entwickeln gesündere und selbstfürsorglichere Alternativen, deine Bedürfnisse zu erfüllen.
Wenn du dir Unterstützung auf diesem Weg wünschst, suche dir gerne einen Termin für einen kostenfreien Discovery Call mit mir aus.
Alles Liebe🌸
Deine Romy
In meinem Podcast Romys Recovery RealiTea spreche ich ausführlich über „Die Kunst des Loslassens der Essstörung“:




