Kennst du den Gedanken: „Ich will ja recovern! Aber es müsste sich doch auch richtig anfühlen, wenn es der richtige Weg wäre, oder nicht?“
Diese Frage begleitet viele Menschen auf ihrem Weg aus der Essstörung. Ich erinnere mich noch so gut an dieses unwohle Gefühl, das während meiner Recovery ein ständiger Begleiter war. Es fühlte sich an, als würde mein Körper mir beständig signalisieren, dass etwas nicht stimmt – dass ich auf dem falschen Weg bin.
Die trügerische Stimme des „Bauchgefühls“
Intuitiv war mir danach, auf dieses Gefühl in meinem Bauch zu hören und alles hinzuschmeißen. Und genau das tat ich auch viele Jahre lang. Immer wieder startete ich einen Versuch, nur um bei dem ersten Anzeichen dieses unkomfortablen Gefühls aufzugeben und in alte Muster zurückzufallen.
Doch hier liegt die Krux mit dem vermeintlichen Bauchgefühl: Was wir in der Recovery als intuitive und damit „richtig“ wahrnehmen, ist in der Regel die gut getarnte Stimme unserer Essstörung. Sie ist so lange unser „Normal“ gewesen, dass sich alles andere – jeder Schritt in Richtung Heilung – zunächst falsch und beängstigend anfühlt.
Unsere Essstörung hat uns jahrelang eine trügerische Sicherheit vermittelt. Sie hat uns vorgegaukelt, dass wir durch Kontrolle über Essen, Gewicht und Bewegung auch Kontrolle über unser Leben haben. Kein Wunder also, dass sich das Loslassen dieser vermeintlichen Sicherheit erst einmal bedrohlich anfühlt.
Recovery ist wie ein Umzug in ein neues Land
Was viele nicht wissen oder unterschätzen: Recovery ist vergleichbar mit einem Umzug in ein völlig neues Land. Du entscheidest dich dafür, weil du weißt, dass es dir neue Möglichkeiten eröffnet und langfristig ein besseres Leben verspricht. Aber es wäre unrealistisch zu erwarten, dass es sich sofort wie dein Zuhause anfühlt.
Die vertrauten Straßen, die gewohnten Geräusche, die bekannten Gesichter – all das, was dir in deiner alten Heimat Sicherheit gegeben hat, ist erstmal weg. Du musst neue Wege finden, neue Gewohnheiten entwickeln und neue Beziehungen aufbauen. Es braucht Zeit, bis du dich in diesem neuen Land eingelebt hast und es sich allmählich wieder vertraut anfühlt.
Genauso verhält es sich mit der Recovery. Die alten Bewältigungsstrategien, die dir zwar geschadet, aber auch eine Art von Sicherheit gegeben haben, fallen weg. Du musst neue, gesündere Strategien entwickeln, um mit deinen Gefühlen und Herausforderungen umzugehen. Und bis diese neuen Strategien sich vertraut anfühlen, wirst du dich oft unsicher und fehl am Platz fühlen.
Was mir geholfen hat, nicht aufzugeben
Was hat mir geholfen, nicht wieder hinzuschmeißen, sondern trotz meines unwohlen Bauchgefühls dranzubleiben?
Ich habe mir jeden Tag aufs Neue gesagt: „Nur weil es sich fremd oder falsch anfühlt, heißt das nicht, dass es falsch IST. Es bedeutet nur, dass ich wachse.“
Diese einfache Erkenntnis hat mir geholfen, das Unbehagen nicht als Warnsignal, sondern als Wachstumsschmerz zu interpretieren. Genau wie Muskeln nach einem intensiven Training schmerzen, weil sie wachsen und stärker werden, so schmerzt auch unsere Psyche manchmal, wenn wir alte Muster durchbrechen und neue, gesündere Wege gehen.
Ich begann, dieses unwohle Gefühl sogar als positives Zeichen zu sehen – als Beweis dafür, dass ich tatsächlich etwas verändere, dass ich meine Komfortzone erweitere und wirklich wachse.
Du bist nicht allein und machst nichts falsch
Wenn du dieses nagende Bauchgefühl während deiner Recovery kennst, dann möchte ich dir Mut machen und sagen: Du bist nicht allein damit. Du machst nichts falsch!
Im Gegenteil: Dieses Gefühl ist ein völlig normaler Teil deiner Recovery. Es ist ein Zeichen dafür, dass du tatsächlich alte Muster durchbrichst und neue Wege gehst. Es ist ein Beweis dafür, dass du wächst und dich veränderst.
Und ich verspreche dir: Es wird leichter. Mit jedem Tag, an dem du trotz dieses unwohlen Gefühls weitermachst, wird dein neuer Weg ein Stück vertrauter. Die neue Heimat wird langsam zum Zuhause. Die gesunden Strategien werden nach und nach zu deiner neuen Gewohnheit.
Bis dahin darfst du dir selbst mit Mitgefühl und Verständnis begegnen. Erinnere dich daran, dass Veränderung Zeit braucht und Wachstum manchmal wehtut. Aber genau das macht dich stärker und verwandelt dich in die Person, die du tief in deinem Inneren schon immer sein wolltest.
Mit dem Wählen des (kurzfristigen!!!) Unwohlseins erschaffst du dir langfristig dein Leben in Freiheit, Selbstannahme und echter Lebensfreude.
Und dieses Leben ist jeden unbequemen Schritt auf dem Weg dorthin wert. 🩷
Wenn du dir Unterstützung wünschst, oder nicht weißt, was dein nächster Schritt ist, dann schreib mir gern.
Alles Liebe
Deine Romy




