Zu dünn fürs Modeln: Mein Comeback nach 11 Jahren

Wie eine Leidenschaft mich gleichzeitig heilte und fast zerstörte – und warum Recovery das Gegenteil von dem brachte, was ich erwartet hatte.

Ich war schon immer ein sehr schüchternes Kind. Auf Fotos habe ich beim Lächeln meine Zähne nicht auseinander bekommen und war einfach immer irgendwie entweder traurig oder super verschlossen. Fotografiert zu werden, war für mich der Horror.
Bis zu diesem einen Tag im Jahr 2008 auf dem Wave-Gotik-Treffen.

Als Jugendliche

Der Moment, der alles veränderte

Ich war mit meiner damaligen Freundin und einem befreundeten Fotografen dort und hatte ein allererstes Fotoshooting mit meinem ersten WGT-Outfit. Irgendetwas war anders an diesem Tag. Als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt, traute ich mich plötzlich, mit der Kamera zu spielen.
Die plötzliche Begeisterung des Fotografen, der schon nach den ersten Bildern anfing, mir Komplimente zu machen wie: „Du hast so einen tollen Blick, so ausdrucksstark“, tat ihr Übriges.
Als ich die Bilder sah, dachte ich: „Wow, ich kann ja vielleicht doch etwas!“ – Zuvor hatte ich immer das Gefühl, nichts richtig gut zu können.
Doch die Bestätigung und die Bilder gaben mir einen solchen Kick für mein Selbstwertgefühl, dass ich weitermachte.

Ich meldete mich in der Modelkartei an und fand Fotografen, die mit mir arbeiten wollten. Modeln wurde meine absolute Leidenschaft und half mir sogar dabei, meine letzten Selbstverletzungen loszulassen – denn ich wusste, ich konnte mich nicht fotografieren lassen, wenn meine Arme kaputt waren.
Dieser positive Nebeneffekt ließ mich lange glauben, ich hätte durch das Modeln Heilung und Selbstvertrauen gefunden.

Die dunkle Seite des Erfolgs

Gleichzeitig brachte mich das Modeln aber auch dazu, wieder exzessiv auf meine Ernährung zu achten. Ich war in einer Phase gewesen, in der ich etwas lockerer gelassen hatte, aber mit dem Beginn des Modelns wurde ich wieder sehr kontrolliert und nahm innerhalb eines Jahres deutlich ab.

Auch meine Outfits wurden immer freizügiger. Irgendwann trug ich nur noch Pasties auf den Brüsten und kurze Röcke, was ich mir jedoch nur erlaubte, wenn ich in meinen Augen „schlank genug“ war. Je extremer die Outfits und die Bestätigung durch die Fotografen im Außen wurden, desto mehr Selbstwertgefühl zog ich daraus. Aber wie ich heute weiß, war das kein echtes Selbstwertgefühl, sondern nur externe Bestätigung – wie ein kleiner Drogenkick.
Ein Pflaster der Anerkennung, für das ich bereit war, meine Seele zu verkaufen.

Doch dieses Pflaster hatte keinen guten Kleber und löste sich bereits nach wenigen Sekunden wieder von meiner Haut.
Der Fotograf schickte die Bilder, oder ich sah mich in einem Gothic-Magazin, freute mich für zwei Sekunden und schon war es wieder vorbei und die Leere kehrte in einer sintflutartigen Welle zurück.
Bekam ich mal nicht genug Kommentare oder Likes, zweifelte ich sofort an mir. Das nächste Shooting musste her.

Ich wurde immer erfolgreicher, lief Fashion Shows, war in Magazinen und Kalendern. Mir fehlte eigentlich nur noch das Cover. Vor jeder Show habe ich mich noch weiter runtergehungert, weil ich dachte, nur dann bin ich gut genug.

 

Das Paradox: Zu dünn zum Modeln

Dann passierte etwas, womit ich nie gerechnet hatte. Mit dem Kennenlernen meines Ex-Freundes ging mein Gewicht wirklich rapide nach unten – zum allerersten Mal in meinem Leben in den untergewichtigen Bereich.
Und plötzlich war ich zu dünn fürs Modeln.

Und plötzlich war ich zu dünn fürs Modeln.

Die Designer sagten zu mir: „Du bist zu dünn! Für Korsetts muss man Kurven haben. Du füllst das Korsett nicht aus.“ Oder: „Wir produzieren erst ab Größe 36, du passt da nicht rein.“

Ich erlebte Ablehnung, weil ich zu dünn war.
Dieser Schock saß tief, denn für meine Essstörung gab es kein „dünn genug“. Trotzdem reichte diese Erkenntnis nicht aus, mich umzustimmen. Und so wurde das Modeln immer weniger, obwohl ich es eigentlich sehr geliebt hatte.
Von 2014 bis 2021 habe ich gar nicht mehr gemodelt und spätestens mit der Recovery auch nicht gedacht, dass ich je wieder für einen Designer laufen oder vor der Kamera stehen würde.

Der magische Comeback-Moment

Anfang 2020 war ich durch den gröbsten Teil meiner Recovery durch. Dann kam Corona und Festivals und Fashion Shows wurden auf Eis gelegt.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment im Sommer 2021.
Eine Nachricht ploppte auf meinem Handy auf und ich wurde nach sieben Jahren Modelabstinenz vom Veranstalter der Gothic Fashion Show persönlich angefragt, ob ich bei einer Sonderedition in einer Kirche in Hamburg modeln wollen würde: Die M’era Luna Crypt Edition.
Ich hatte über 15 Kilo zugenommen und war supernervös, aber auch entschlossen: Ich wollte zeigen, dass man auch in seiner gesunden Form modeln kann.

Dann passierte etwas Magisches: Einer meiner absoluten Lieblingsdesignerinnen, Lucardis Feist, fiel ein Model aus – weil es ZU DÜNN war. Ich fragte mutig an, ob ich einspringen dürfe (das hätte ich mich früher nie getraut).
Sie schaute mich an und sagte: „Perfekt, du passt gut vom Typ!“ Noch zwei Jahre früher wäre auch ich abgelehnt worden und hätte keine Chance gehabt, ein Korsett auszufüllen.
Und jetzt durfte ich für meine Traumdesignerin laufen, WEIL ich die mutige Entscheidung getroffen hatte, mich leben zu lassen und zuzunehmen. Das war der erste Moment, in dem ich unendlich dankbar für meine Recovery und die Gewichtszunahme war.

Model: Romy Hörbe, Outfit: Lucardis Feist, Fotograf: Markus Kämmerer

Modenschau: Lucardis Feist // M’era Luna Crypt Edition II

Der schwierigste Tag wurde zum besten

Es war auch noch einer dieser Tage, an denen ich mich in meinem Körper besonders unwohl fühlte. Ich hatte meine Periode, einen weichen Blähbauch und fühlte mich einfach, wie sich wohl die meisten Frauen an den ersten Tagen ihrer Periode fühlen.
Und gleichzeitig dachte ich: Okay, ich kann mich jetzt davon beeinflussen lassen oder ich gehe einfach da raus, rocke diese Bühne und habe eine verdammt gute Zeit.
Genau mit dieser Einstellung ging ich auch raus auf den Laufsteg und hatte wirklich die beste Zeit. Ich ließ mich von der Musik tragen und spürte zum ersten Mal mehr Freude, als Angst und Druck, wie es sieben Jahre zuvor der Fall gewesen war.  Trotz meines Unwohlseins fühlte ich mich so viel selbstsicherer als je zuvor, denn ich wusste: So bin ich in meiner Energie, gesund und in meiner Kraft.

Diese Energie blieb hängen.

Dieses Jahr wurde ich erneut gefragt, ob ich auf dem M’era Luna modeln wollen würde – auch dieses Mal, wie zuletzt 2014, für Bibian Blue, eine spanische Designerin, die bereits Dolly Parton, Within Temptation, Oscar-Preisträgerinnen und viele weitere Künstler ausgestattet hat. Und als wäre das nicht schon schön genug, durfte ich auch noch eines ihrer berühmten Schmetterlings-Kleider tragen. 🦋 A dream came true.

Das Wochenende war die tollste M’era Luna-Erfahrung ever. Zum ersten Mal habe ich es wirklich genossen, dort zu sein, war präsent und habe mich wohlgefühlt. Es war die erste Show, in der ich mich wirklich angekommen gefühlt habe. In mir. In meinem gesunden Körper. Früher war ich so damit beschäftigt, dünner zu sein, besser zu sein, mich zu vergleichen, auf andere Models neidisch zu sein und mich minderwertig zu fühlen. Obwohl ich immer einen guten Job gemacht habe, war es in meinen Augen nie genug. Bis zu diesem Moment.

Und das, obwohl es dieses Mal wirklich einen Grund gegeben hätte, nervös zu sein, denn der Rock, für den ich extra meine Maße geschickt hatte, stand 10 Zentimeter weit offen und ließ sich einfach nicht schließen. Früher hätte das meinen Selbstwert zerstört und meine Essstörung bestätigt. Doch die Designerin sagte nur: „Das habe ich erwartet.“ und heftete einfach noch ein paar Schmetterlinge und Federn an meinen Po dran, um die Lücke zu verdecken.
Nicht ich war falsch – nicht einmal der Gedanke tauchte auf – sondern der Rock war einfach für völlig andere Maße gemacht, aber nicht für meinen gesunden Körper.
In der Modewelt wird viel getrickst, besonders auf Shootings und Shows.

Anstatt mich also über meinen nicht passenden Rock tot zu stressen, führte ich tiefe Gespräche backstage – über Druck, über Perfektionismus, über den Mut, einfach man selbst zu sein.

Model: Romy Hörbe, Outfit: Bibian Blue, Fotograf: Markus Kämmerer

Was ich gelernt habe

Nichts an externer Validierung kann die Leere in dir füllen. Egal wie viele Likes, Komplimente oder Veröffentlichungen du bekommst – solange du dich selbst nicht anerkennst, kommt nichts davon wirklich an. Im Gegenteil, du wirst dich „falsch“ fühlen.

Je mehr ich zu mir selbst kam, desto mehr bekam ich, was ich wollte. Mit Hungern kam ich nicht zu meinen Träumen. Mit Authentizität schon.

Deine Träume warten auf der anderen Seite der Angst. Ich dachte, mit Gewichtszunahme verliere ich alles. Stattdessen gewann ich: echte Verbindungen, meine Traumjobs, inneren Frieden.

Es geht nicht darum, wie du aussiehst, sondern darum, wie du die Dinge machst, wie authentisch du bist, wie sehr du mit dir selbst verbunden bist.
Heute wähle ich das Modeln, anstatt es zu brauchen. Und ich mache es nur noch mit Menschen und Designern, die mich in meiner gesunden Form schätzen.

Recovery nimmt dir nichts – sie gibt dir alles. Ich habe keine einzige Sache verloren, aber so viel dazugewonnen. Sogar die Modelerfolge, für die ich mich fast totgehungert hätte.

Deine Träume müssen nicht sterben

Vielleicht hast du auch eine Leidenschaft, für die du glaubst, anders aussehen zu müssen. Vielleicht denkst du, du müsstest dich kleiner machen für deine Träume.

Was, wenn das Gegenteil wahr ist? Was, wenn deine Träume darauf warten, dass du aufhörst zu kontrollieren und anfängst zu leben?

Die besten Dinge in meinem Leben sind passiert, als ich losgelassen habe. Meine Selbstständigkeit, das Reisen, das Modeln für meine Traumdesigner – nichts davon kam, als ich im Mangel war. Alles kam, als ich in Fülle war.

Auch dein Licht ist bereits da. Du musst es nicht erhungern. Du darfst es leben.

Podcast Romys Recovery RealiTea Folge #19 Zu dünn fürs Modeln: Mein Comeback nach 11 Jahren
 

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