Essstörung-Recovery: Bin ich krank genug?

„Nur noch 5 Kilo, dann bin ich krank genug für Recovery.“
Als mich diese Nachricht auf Instagram erreichte, schoss mir ein eiskalter Schauer über den Rücken.

Nicht, weil ich schockiert war – sondern weil ich diesen Gedanken nur zu gut kenne. 20 Jahre lang war er mein ständiger Begleiter.
Heute möchte ich dir die Wahrheit sagen, die ich damals so dringend gebraucht hätte: Du bist bereits krank genug. Und jeder Tag, den du wartest, macht es schwieriger. Woher ich das weiß, verrate ich dir gleich.

Die Lüge vom „nicht krank genug“

Mit 11 Jahren saß ich zum ersten Mal beim Therapeuten. Meine Mama war in Sorge, weil ich so wenig aß.

Doch anstatt die Warnsignale und eindeutigen Anzeichen ernstzunehmen, sagte die Therapeutin: „Das Gewicht ist doch normal, das mit dem Essen kriegen wir schon wieder hin. Das ist nicht das Problem.“
Diese Worte haben mein Leben geprägt. 20 Jahre lang.
20 Jahre, in denen ich mir selbst erzählte: „Siehst du, selbst die Experten sagen, du bist nicht krank genug.“ 20 Jahre mit Essanfällen, Abführmittelmissbrauch, exzessivem Sport, Selbsthass und dem ständigen Gefühl, eine Versagerin zu sein – weil ich es nicht mal schaffte, „richtig“ krank zu sein.

Das gefährliche Paradox unseres Systems

Weißt du, was das Verrückte ist? Unser Gesundheitssystem schickt dich in eine Endlosschleife:

Dein BMI ist normal oder im höheren Bereich?: „Sie sind ja gar nicht krank.“
Dein BMI ist zu niedrig? „Also jetzt sind Sie zu krank für unsere Essstörungsklinik. Da müssen Sie erst wieder zunehmen.“

Wann genau ist man denn „richtig“ krank?
Das Paradoxe: Für das System nur in einem sehr engen Fenster (dann bist du ZU krank) – und für deine Essstörung selbst nie.
Was leider immer noch systematisch übersehen wird, ist, dass nur 6% aller Menschen mit Essstörungen auch untergewichtig. Das bedeutet, 94% werden systematisch übersehen. Die atypische Anorexie – Magersucht im Normalgewicht – ist viel häufiger als die „klassische“ Form. Aber sie wird ignoriert, weil die Waage nicht das „richtige“ Gewicht anzeigt.
Auch Magersucht im mehrgewichtigen Körper ist nicht selten! Hier wird das ganze System noch verrückter, denn Betroffene werden erst recht auf Diät gesetzt, obwohl sie bereits völlig unterernährt sind.
Und auch wenn ich mich wiederhole: Eine Essstörung kann man nicht am Gewicht erkennen, denn es ist eine psychische Erkrankung.

Warum deine Blutwerte nichts über deine Gesundheit aussagen

„Aber meine Blutwerte sind doch normal!“ – Auch diesen Satz höre ich so oft. Lass mich dir etwas Wichtiges sagen: Dein Körper ist ein Meister der Kompensation. Er wird alles tun, um dich am Leben zu halten. Bis er irgendwann nicht mehr kann.

Eine Studie mit 298 Anorexie-Patient*innen zeigte: 60% hatten komplett normale Laborwerte – trotz schwerer Erkrankung. Selbst bei einem BMI unter 14 (extreme Unterernährung) blieben bei über 50% die Werte normal.

Dr. Jennifer Gaudiani, eine der führenden Essstörungsexpertinnen, warnt eindringlich: „Wenn die Blutwerte bei Essstörungen endlich auffällig werden, liegen meist bereits schwere und teils irreversible Schäden vor.“
Das ist, als würde dein Haus brennen, aber der Rauchmelder geht erst an, wenn bereits die Fassade einstürzt.

Der Gedanke, der alles verrät

Jetzt kommt die wichtigste Erkenntnis, die ich dir heute mitgeben möchte:
Der Gedanke „Bin ich krank genug?“ ist selbst der Beweis dafür, dass du es bist.
Warum?
Gesunde Menschen fragen sich nicht:

„Huste ich genug für Hustensaft?“
„Blute ich genug für ein Pflaster?“
„Ist mein Bein gebrochen genug für einen Gips?“

Nur wenn wir von einer Essstörung betroffen sind, quälen wir uns mit dieser Frage. Und weißt du warum? Weil es ein Symptom der Krankheit selbst ist.

Du betreibst Self-Gaslighting

Deine Essstörung ist wie eine toxische Person in deinem Leben, die dir ständig einredet, du würdest übertreiben. Nur, dass diese Person ein Anteil in dir selbst ist. Du zweifelst deine eigene Wahrnehmung an, dein eigenes Leiden, deine eigenen Gefühle.
„Ist es wirklich so schlimm?“, fragst du dich, während du zum dritten Mal deine Mahlzeit neu berechnest und noch eine Nuss vom Teller zurücklegst.
„Andere haben es viel schlimmer“, denkst du, während du die fünfte Sporteinheit diese Woche absolvierst, um dir dein Essen zu „verdienen“.
Das ist Self-Gaslighting in Reinform. Und es hält dich gefangen.

Die Wahrheit über das Warten

Je länger du wartest, desto schwieriger wird die Recovery. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental. Die neuronalen Pfade in deinem Gehirn werden mit jedem Tag stärker. Was als schmaler Trampelpfad begann, wird zur Autobahn.
Ich habe 20 Jahre gewartet. 20 Jahre, in denen ich hätte leben können, statt nur zu existieren. 20 Jahre voller verpasster Momente, die ich nie zurückbekomme.

Du verdienst es JETZT
Die Frage ist nicht: „Bin ich krank genug?“
Die besseren Fragen sind:

  • „Will ich LEBEN?“
  • „Habe ich genug vom Kranksein?“
  • „Verdiene ich es, gesund zu sein?“

Und die Antwort lautet: JA. Ohne Wenn und Aber.
Welcher Mensch auf dieser Welt verdient es NICHT:

  • Ohne Angst vor Lebensmitteln zu leben
  • Spontan mit Freunden essen zu gehen
  • Energie für die Dinge zu haben, die du liebst
  • In Frieden mit sich selbst und seinem Körper zu sein
  • Unterstützung zu bekommen, von jemandem, der ihn versteht

Du verdienst es JETZT.
Nicht bei Gewicht X.
Nicht mit Diagnose Y.
Nicht, wenn deine Blutwerte endlich schlecht genug sind.

Doch die einzige Person, die dir die Erlaubnis zu leben und zu heilen geben kann, bist du, oder die Version von dir, die genug davon hat, krank zu sein und ihr Leben im „Geht so“, im „Funktionieren“ oder „Gerade gut genug“ zu verbringen.

Ich weiß, wie schwer es ist, sich einzugestehen, dass man „krank genug“ ist und Hilfe braucht. Ich weiß, wie die Angst dich lähmt, nicht ernst genommen zu werden. Aber ich weiß auch, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite zu stehen.
Heute lebe ich das Leben, das ich mir damals nicht mal erträumen konnte. Frei, selbstbestimmt, voller Lebensfreude. Und das wünsche ich mir auch für dich.

Dein nächster Schritt

Wenn diese Worte etwas in dir berührt haben, wenn du dich darin wiedererkennst, dann ist das kein Zufall. Es ist ein Zeichen.

In meiner Podcastfolge „Bin ich krank genug?“ gehe ich noch tiefer auf dieses Thema ein. Ich teile meine Geschichte, die medizinischen Hintergründe und vor allem: konkrete Schritte, wie du aus dieser Gedankenfalle ausbrechen kannst.

🎙️ Hier geht’s zur Podcastfolge

Und wenn du bereit bist, den nächsten Schritt zu gehen (denn bis hierher zu lesen war bereits der Erste^^), dann lass uns gern in einem 20-minütigen kostenfreien Discovery Call herausfinden, was dein nächster Schritt zu deinem Wunschleben ist.

Alles Liebe 🌸
Deine Romy

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen