Recovery Survival Guide für die Weihnachtszeit

Weihnachten ist die Zeit des Jahres, in der es besonders trubelig, oftmals stressig und sehr herausfordernd werden kann – besonders, wenn man unter einer Essstörung leidet oder sich gerade auf dem Weg der Heilung befindet.
Die Erwartungen an sich selbst und daran, wie die Weihnachtstage idealerweise verlaufen sollen, klettern noch einmal ein paar Stufen hinauf auf der Anspruchsskala. So war es zumindest bei mir.
Schon als Kind waren all die Lebkuchen, Schokoäpfel und die kuschelige Lichterstimmung mit Kinderpunsch und Co. mein absolutes Highlight. Nichts wünschte ich mir mehr, als diese Zeit einfach wieder genießen zu können, meine Regeln rund um die Essstörung loszulassen und mit vollem Herzen dabei zu sein.
Jedes Weihnachten nahm ich mir vor, mir die Erlaubnis zu geben meine Fear Foods zu challengen, meinen Adventskalender täglich zu öffnen UND den Inhalt zu essen. Ich wollte die Zeit genießen, mich entspannen und es mir mit meinen Liebsten so kuschelig wie möglich machen.
Was in der Theorie so gut klang, erwies sich jedoch als echte Herausforderung.

Voll motiviert und dann doch schockiert

Tag eins, begann meist voll motiviert mit dem magischen ersten Türchen. Meine Strukturiertheit ließ es mich am Morgen öffnen UND essen, doch bereits am Nachmittag, noch vor meinem ersten Stück Stollen, überkam mich die Angst und ich begann Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die Kontrolle über mich und mein Gewicht zu behalten. Meine Obsession mit der Waage wurde von Tag zu Tag stärker und ich aß (oftmals unbewusst) eher zu wenig, um mir die Weihnachtsleckereien zu verdienen.
Am 24. Dezember saß die Essstörung lachend unter dem Baum, weil ich wieder einmal mein Niedriggewicht erreicht hatte. Der gesunde Anteil in mir schaute mit Fragezeichen im Kopf auf den gefüllten Weihnachtsteller und rätselte, wie das passieren konnte.
Aber die Essstörung war stolz auf mich: In ihren Augen hatte ich es geschafft. Alle anderen hatten zugenommen – nur ich nicht.
Irgendwo zwischen dem ersten Advent und Heiligabend hatte ich meine guten Vorsätze vergessen und komplett die Kontrolle über mich und mein Essverhalten verloren. Was mir die Essstörung als Stärke einredete, war in Wirklichkeit ein Kontrollverlust, den ich mir damals natürlich nicht eingestehen konnte, denn die Zahl auf der Waage bestärkte mich darin, dass ich etwas „richtig“ gemacht haben musste.
Doch die „Freude“ über diesen Erfolg machte mich nicht glücklich.
Tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich etwas verloren hatte: Ein weiteres Jahr hatte mich die Essstörung um eine erfüllte, unbeschwerte und genussvolles Adventszeit gebracht.

Es ist nie zu spät

Vielleicht geht es dir wie mir und du hast das Gefühl, bereits unendlich viele Weihnachten „verloren“ zu haben. Doch egal wie viele Türchen du nicht geöffnet, wie viele Lebkuchen du nicht gegessen und wie viele Momente du nicht wirklich körperlich und emotional anwesend warst mit deinen Liebsten: Du hast jederzeit die Chance, deine Recovery in die Hand und dir echte Kontrolle und Freiheit in die Weihnachtszeit zu holen.
Wichtig ist, die Entscheidung immer wieder erneut zu treffen. Nicht nur am 1. Advent, sondern jeden einzelnen Tag und jeden Moment darin. Was anstrengend klingt, wird mit der Zeit immer leichter.
Ja, es kostet Mühe.
Nein, es bleibt nicht für immer so schwer.
Vollständige Recovery ist möglich.
Ich habe viele Jahre gebraucht, um diesen Zustand zu erreichen, aber ich habe es geschafft und daher weiß ich, dass auch du das kannst!
Im Folgenden möchte ich dir einen kleinen Survival Guide für die Weihnachtszeit mitgeben, der dir helfen soll, deine Essstörung ein Stück mehr loszulassen.

Tipps und Tools für die Weihnachtszeit

Habe nicht zu strenge Erwartungen an dich selbst

  • Auch wenn du dir, so wie ich damals, aus tiefstem Herzen wünschst, dass dieses Weihnachten DAS Weihnachten ist, an dem du frei von der Essstörung deine Entscheidungen triffst und alles Verbotene der letzten Jahre reuelos genießen kannst, darfst du nicht vergessen, dass es dafür viel Übung und Zeit braucht. Dein Gehirn muss neue neuronale Verknüpfungen herstellen und das braucht in der Regel mindestens 60 Tage. Stell dir vor, es hat drei Meter hoch geschneit vor deiner Haustür und du möchtest dir einen neuen Weg zur Straße vor deiner Haustür frei schippen. Es wird dich zunächst ganz schön viel Kraft kosten, durch die dichte Schneedecke zu kommen. Aber wenn du dir schließlich eine grobe Bahn freigeschaufelt hast und ein Weg zu erkennen ist, wird es leichter. Wahrscheinlich schneit es immer mal wieder ein paar Flocken über deinen neuen Weg, aber wenn du stetig dranbleibst und den einmal gegrabenen Gang wieder freilegst, wird es mit der Zeit immer einfacher.
  • ⁣Auch wenn du dieses Weihnachten noch nicht frei von der Essstörung bist, ist das tägliche Dranbleiben eine Investition in alle zukünftigen Weihnachten (und Feiertage). Dieses Weihnachten muss nicht perfekt sein. Es ist ok, noch immer Angst zu haben vor Stollen und Co. Aber jeden Tag, an dem du dich deinen Ängsten stellst, wird es ein Stück leichter. Womöglich ist dann nächstes Jahr DAS Jahr, an dem du zum ersten Mal die volle Freiheit spürst und voll Dankbarkeit und Stolz auf diese Weihnachtszeit zurückblickst, an der du die Entscheidung getroffen hast, für alle zukünftigen Weihnachten loszugehen.
  • Weihnachten ist ein Tag wie jeder andere Tag in der Recovery. Im besten Fall ist es sogar eine Chance, weiteren Ängsten auf die Spur zu kommen und dich diesen zu stellen. Das wichtigste dabei ist, dass du dir selbst mit so viel Mitgefühl wie möglich begegnest und akzeptierst,  wo du gerade stehst, ohne dich zu verurteilen, wenn dir etwas noch schwerfällt.

Mache dir einen flexiblen Plan für deine Recovery

  • Eine Struktur zu haben gibt dir Sicherheit und hilft dir, nicht komplett im Weihnachtstrubel verloren zu gehen. Wichtige Fixpunkte sind das Beibehalten deiner regelmäßigen Mahlzeiten und das Commitment,  alle zwei bis drei Stunden etwas zu essen. Mahlzeiten ausfallen zu lassen, um Kalorien für später aufzuheben, wird dich innerlich angespannter und unruhiger machen (dein Cortisolspiegel steigt) oder einen Essanfall triggern.
  • Beginne den Tag mit Frühstück, innerhalb einer Stunde nach dem Aufstehen. Morgens sind unsere Energiespeicher leer und der Cortisolspiegel (Stress) steigt. Die Entscheidung zu frühstücken hilft dir, dein Stresslevel zu senken und stärkt alle weiteren Entscheidungen für deine Recovery an diesem Tag.

Suche dir Verbündete

  • Hast du Freunde, Familienangehörige oder kennst jemanden, der sich ebenfalls auf dem Weg aus der Essstörung befindet? Plane ganz bewusst, dich mit diesen unterstützenden Personen zu verbinden und sie anzurufen oder ihnen zu schreiben. Jemanden zum Reden zu haben nach dem Weihnachtsessen oder in anderen herausfordernden Situationen ist ein wichtiger Faktor, damit du dich im Zweifelsfall an diese Person wendest, anstatt an die Essstörung. Versuche bereits im Vorfeld mit diesen Menschen zu sprechen und ihnen zu sagen, wie sie dich am besten unterstützen können: Brauchst du jemanden, der dich von deinen Gedanken ablenkt, der dich aufmuntert, die gut zuspricht? Wenn du bereits vorher um Erlaubnis fragst, diese Person kontaktieren zu dürfen, wird es dir in der akuten Situation viel leichter fallen, zum Handy zu greifen und dir Unterstützung zu holen.
  • Auch eine verbündete Person im Raum kann dir helfen, wenn es für dich schwierig wird. Sprich ein Familienmitglied oder einen anwesenden Freund an und bitte sie/ihn, dir im Zweifelsfall beizustehen und z. B. Themen am Tisch, die sich um Diäten, Neujahrsdiäten, Sport und Co. handeln, umzulenken.

Umgang mit Verwandten, die du längere Zeit nicht gesehen hast

Diese Situation ist für die meisten besonders herausfordernd und oftmals mit Ängsten verbunden wie:

  • Werden sie merken, dass ich zugenommen habe?
  • Was, wenn jemand mein Gewicht kommentiert?
  • Was, wenn jemand kommentiert, wie viel ich im Vergleich zu sonst esse?

Leider können wir das Verhalten anderer Personen nicht beeinflussen. Was du aber tun kannst, ist darum zu bitten, bestimmte Themen zu vermeiden. Oftmals entwickeln sich Gespräche ganz automatisch in Richtung Diät-Talk (Hallo Diätgesellschaft). Das ist selten böse gemeint, kann aber unglaublich triggernd sein. Eine klare Abgrenzung im Voraus kann helfen, dass mit solchen Themen sensibler umgegangen wird. Auch deine verbündete Person kann dir in solchen Situationen beistehen.

 

Lege dir Antworten bereit und setze Grenzen

  • Es ist viel schwieriger spontan und schlagfertig zu antworten, wenn du gestresst bist. Wenn du dir bereits in Vorfeld ein paar Antworten zurechtlegst, wirst du in der akuten Situation viel schneller darauf zurückgreifen können.
  • Hilfreich ist es, zu lernen für dich einzustehen und Grenzen zu setzen. Drücke aus, was deine Grenze ist, ohne der Person mit Negativität oder Schuld zu begegnen, z. B.  → „Ich versuche gerade die Beziehung zu meinem Körper und zum Essen zu heilen. Ich möchte, dass du meinen Körper/mein Essverhalten daher bitte nicht kommentierst.“
  • Wenn dir das noch schwerfällt, was ganz normal ist, dann gib dir selbst die Erlaubnis, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Lege dir dazu am besten ebenfalls ein paar Themen bereit (Urlaub, neues Hobby, die Weihnachtsdeko …).
  • Wenn auch das nichts hilft, dann verlasse das Zimmer und suche dir einen Ort, an dem du dir selbst etwas Gutes tun kannst. Magst du Musik? Dann hilft es dir vielleicht ein motivierendes Lied zu hören. Außerdem kannst du deine verbündete Person anrufen, ein paar Seiten in deinem Lieblingsbuch lesen oder dich mit deinem Lieblingsduft (ich nutze dafür super gern die ätherischen Öle von dōTERRA) in eine positive Stimmung versetzen. Schreibe dir gern im Vorfeld schon eine Liste mit Dingen, die dir helfen, oder packe dir einen Notfallkoffer mit ätherischen Ölen, Büchern, deinem iPod, einer Songliste …

Challenge deine Gedanken

Wann immer ein Gedanke der Essstörung auftaucht, ist es wichtig, dass du diesem ein Argument von deinem gesunden Ich entgegensetzt. Was würdest du beispielsweise deiner besten Freundin oder deiner kleinen Schwester in dieser Situation sagen? Taucht der Gedanke: „Oh mein Gott, ich habe viel zu viel Süßes gegessen und muss die Kalorien unbedingt wieder loswerden.“ auf, dann versuche mitfühlend darauf einzugehen und dir vorzustellen, was du deinem geliebten Menschen darauf antworten würdest. Vermutlich würdest du ihn nicht heruntermachen, sondern mitfühlen so etwas sagen wie: „Hey, es ist vollkommen in Ordnung an Weihnachten viel Süßes zu essen. Essen ist so viel mehr als Kalorien. Es ist Freude, Gemeinschaft, eine wundervolle Erinnerung und darf auch einfach gut schmecken. Dein Körper ist schlau und weiß mit der Energie gut umzugehen.“

Umgib dich mit positivem Recovery Input und einer unterstützenden Gemeinschaft.

  • Dich mit unterstützenden Menschen zu umgeben, Recovery Podcasts zu hören und Social Media Kanälen zu folgen, die dich auf deinem Weg aus der Essstörung bestärken, ist gerade zur Weihnachtszeit unglaublich wertvoll. Wenn die Stimme der Essstörung besonders laut wird, braucht es positive Stimmen und Inhalte, die deinen gesunden Anteil stärken und dich deinen Weg der Heilung weitergehen lassen. Sei mit Social Media besonders achtsam und entfolge allem, was deiner Recovery nicht guttut.
  • Zusammen mit ein paar wundervollen Frauen, habe ich dieses Jahr auf Instagram einen Adventskalender entwickelt, der dich jeden Tag mit positivem Inhalt rund um die Recovery und Themen der mentalen Gesundheit und verschiedenen Gewinnspielen unterstützen soll. Wenn du dabei sein möchtest, dann folge diesen Accounts, die ich dir von Herzen empfehlen kann:

Ich hoffe von Herzen, dass dir mein Survival Guide hilft, deine Recovery auch über Weihnachten weiterzuverfolgen. Denk immer daran: Nichts bleibt für immer und Gedanken und Gefühle kommen und gehen, wenn wir nicht an ihnen festhalten und uns auf etwas Positives konzentrieren.
Gern unterstütze ich dich auch im Coaching auf deinem Weg in Leben frei von der Essstörung oder nutze mein Recovery Kit mit ätherischen Ölen in der Weihnachtszeit.

Alles Liebe und frohe Weihnachten
Deine Romy

Nicht mehr so krank, aber auch noch nicht gesund? Hier erfährst du, ob du in der Quasi Recovery stecken geblieben bist:

Was ist Quasi-Recovery?

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